Ärzte Zeitung, 07.12.2005

Lautes Abwehrverhalten bringt Täter aus dem Konzept

Beim Sicherheitstraining lernen Kinder, sich selbst zu behaupten / Stärkung der Persönlichkeit ist oberstes Ziel

Von Eva Dignös

Ein Mädchen nimmt an einem "Sicher-Stark"-Kurs teil. Foto: ddp

Es ist die Urangst aller Eltern: daß jemand dem eigenen Kind Gewalt antun könnte. Berichte über Verbrechen an Kindern verstärken die Sorgen: Wie kann ich mein Kind beschützen und es trotzdem selbstständig und ohne Angst die Welt entdecken lassen? Sicherheitstrainings für Kinder haben deshalb großen Zulauf.

"Schau mal, Kleine. Möchtest du die Puppe haben? Im Auto habe ich auch noch ganz viele Puppenkleider. Komm doch mal mit, ich zeige sie dir." Nicole schüttelt den Kopf und streckt dem Fremden abwehrend die Hand entgegen: "Nein, lassen Sie mich vorbei", sagt sie.

"Aber sieh doch, was die Puppe für schöne Haare hat. So schön wie deine." "Lassen Sie mich vorbei", wiederholt die Siebenjährige und schielt auf das Püppchen. Das Spielzeug lockt. "Lassen Sie mich vorbei", sagt sie noch einmal und noch einmal und kommt doch nicht recht vom Fleck. Nur ein Rollenspiel. Und doch läßt es erfahren, wie schwer es Kindern fällt, in solchen Situationen zu widerstehen.

Unter Streß Erlerntes prägt sich intensiv ein

"Kinder sind einfach von Natur aus vertrauensvoll und neugierig", sagt Holger Schumacher, der mit Nicole die Szene gespielt hat. Schumacher war früher Polizist und hat ein Kindersicherheitstraining entwickelt. Seit zehn Jahren gibt er Kurse. Drei Tage übt er mit 30 Grundschülern aus München.

Was kann ich tun, wenn mich jemand anspricht? Bei wem darf ich im Auto mitfahren? Solche Fragen erarbeitet er mit den Kindern zuerst in Gesprächsrunden, dann als Rollenspiel. "Die Rollenspiele bedeuten für sie eine Streß-Situation." Und unter Streß Erlerntes präge sich intensiv ein.

Dennoch sollen die Kinder ihre Umwelt nicht als Bedrohung sehen. "Im Gegenteil", betont Schumacher: "Wir sagen ihnen: Das Leben ist schön." Seine Kurse sollen den Kindern Regeln aufzeigen, an denen sie sich in kritischen Situationen orientieren können. Dazu gehört, daß sie lernen, sich zu wehren: Mit Worten, und - wenn es sein muß - mit gezielten Tritten.

Aber es geht auch darum, die eigenen Grenzen zu erkennen: Werden Kinder von anderen unter Druck gesetzt, Jacke oder Turnschuhe herzugeben, dann sollen sie das tun, rät ihnen Schumacher - aber sie sollen es ihren Eltern und Lehrern erzählen, damit die dafür sorgen, daß die Schuldigen bestraft werden.

Kinder, die sicher auftreten, werden kaum belästigt

Wenn nicht nur sportliche Selbstverteidigungstechniken, sondern die Stärkung der Persönlichkeit im Zentrum der Kurse steht, dann können sie nach Ansicht von Michael Schnabel vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München die Kinder durchaus schützen: "Viele Beobachtungen zeigen: Kinder, die sicher und selbstbewußt auftreten, werden kaum belästigt oder gegen ihren Willen festgehalten."

Schnabel rät Eltern, auf die Ausbildung der Trainer zu achten und sich das Konzept des Kurses erläutern zu lassen: Haben die Trainer pädagogisches und psychologisches Wissen? Geht es um Selbstbehauptung und Gefahrenvermeidung oder doch mehr um Kampfsport? Sind die Kurse auf Alter und Geschlecht der Kinder abgestimmt?

Auch bei "Sicher-Stark", einem weiteren Anbieter von Sicherheitstrainings für Kinder, legt man großen Wert darauf, daß es sich nicht um Selbstverteidigungs-, sondern um Selbstbehauptungskurse handelt: "Es geht uns darum, Gewalt nach Möglichkeit zu vermeiden", sagt der Pädagoge Angelo Kipp.

Und deshalb übe man mit den Kindern selbstsicheres, starkes Auftreten, "denn die Erfahrung zeigt, daß sich Täter oft schwache Opfer aussuchen". Lautstarkes Abwehrverhalten dagegen bringe sie aus dem Konzept - und einem Kind möglicherweise die Chance, noch schnell das Weite zu suchen.

Übergriffe von Fremden sind nur ein Bestandteil der Kurse. Trainiert wird auch, wie man sich bei Konflikten auf dem Schulhof verhält. Oder wie man dem Onkel begegnet, der immer einen Kuß verlangt.

Die Kinder erhalten Tips ("Feuer" schreien statt "Hilfe" - darauf reagieren die Leute eher), aber sie sollen vor allem lernen, ihren Fähigkeiten und ihren Gefühlen zu trauen, so Kipp. Denn wer sich seiner Stärken bewußt sei, der könne gefährliche Situationen besser bewältigen. (ddp.vwd)

Topics
Schlagworte
Pädiatrie (8670)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Hüpfen und Einbeinstand halten fit

Hüpfen, Treppensteigen oder auf einem Bein Zähneputzen: Mit bewussten, einfachen Übungen können alte Menschen ihre Beweglichkeit erhöhen und die Sturzgefahr senken. mehr »

Gala mit Herz und Verstand

Mit einer festlichen Gala hat Springer Medizin pharmakologische Innovationen und ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Die Preisträger vermittelten Hoffnung auf Heilung und auf Hilfe, hieß es am Donnerstagabend. mehr »

Das sind die Gewinner des Galenus-von Pergamon-Preises 2017

Mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis, der auch international große Anerkennung findet, wurden erneut Exzellenz in der deutschen pharmakologischen Grundlagenforschung und die Entwicklung innovativer Arzneimittel gekürt. mehr »