Ärzte Zeitung, 05.04.2006

HINTERGRUND

Gewalt in der Schule - Ärzte mahnen in der Diskussion zur Besonnenheit und fordern mehr Sozialprogramme

Von Anja Krüger

Ein Brandbrief von Lehrern der Berliner Rütli-Schule hat die Republik in helle Aufregung versetzt. Ärzte mahnen zur Besonnenheit. Sie fordern Sozialprogramme und eine andere Bildungspolitik.

Zwei Jungen prügeln sich (gestellte Szene). Nicht die Zahl der Gewalttaten hat Studien zufolge zugenommen, wohl aber die Brutalität. Foto: dpa

Die Lehrer der Hauptschule hatten in der vergangenen Woche vom Berliner Senat die Auflösung ihrer Schule gefordert, an der mehr als 80 Prozent der Schüler aus Familien mit einem arabischen oder türkischen Hintergrund stammen. Das Kollegium begründete den drastischen Schritt mit eskalierender Gewalt und Disziplinlosigkeit.

In der Debatte über den Hilferuf forderten einige Politiker die Abschaffung der Hauptschule als Schulform. Andere nahmen die Vorfälle zum Anlaß, um auf die vermeintlich wachsende Kriminalität bei ausländischen Jugendlichen hinzuweisen und harte Maßnahmen bis hin zur Abschiebung zu fordern.

"Man nimmt einer Generation die Perspektive für ihr Leben"

Probleme wie an der Rütli-Schule gibt es nicht nur in Berlin, ist der Kinderarzt Dr. Thomas Fischbach überzeugt. Der Vorsitzende des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Nordrhein glaubt, daß Gewalt in der Schule ein zunehmendes Problem ist.

Denn vielen jungen Leuten erscheine die Zukunft nicht mehr als verheißungsvolle Herausforderung, sondern als düsterer Abgrund - von der Angst um die Ausbildung bis zur ungesicherten Altersvorsorge. "Man nimmt einer ganzen Generation die Perspektive für ihr Leben", sagt Fischbach. "Das ist ein Grund dafür, daß sich aggressives Verhalten den Weg bahnt."

Die Hauptschule werde zunehmend zum Sammelbecken für Jugendliche mit großen Problemen. "Die Schulpolitik muß geändert werden", fordert er. Die Probleme würden aber mit der Abschaffung dieser Schulform nicht gelöst, sondern nur verlagert. Wichtiger seien Förderprogramme. "Alle Kinder brauchen eine vernünftige Sprachförderung, und zwar nicht nur ausländische Kinder, sondern auch deutsche", sagt er. "Sprachliche Kompetenz ist die Eintrittskarte zur Bildung."

Viele Ärzte unterstützen Projekte wie die der Ärztekammer Nordrhein zur Gesundheitserziehung in der Schule, die auch der Gewaltprävention dienen, etwa wenn es um Konfliktbewältigung geht. Dr. Magdalena Prager aus Jülich gehört zu ihnen, sie betreut außerdem muslimische Kinder bei den Hausaufgaben.

Nach ihren Erfahrungen hat Gewalt in der Schule nicht zugenommen. "Das Thema wird aufgebauscht", sagt sie. Die praktische Ärztin hält Darstellungen für falsch, bei denen vor allem ausländische Jugendliche für Gewalt verantwortlich gemacht werden. "Ich wehre mich dagegen, daß sie aggressiver sein sollen als deutsche", sagt Magdalena Prager.

Auch der Ärztliche Direktor der westfälischen Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. Rainer Georg Siefen kritisiert die undifferenzierte Darstellung junger Menschen aus Familien mit Migrationshintergrund. "Wenn es dort Gewaltbereitschaft gibt, müssen wir sie mit der deutscher Gruppen vergleichen, die den gleichen sozio-ökonomischen Hintergrund haben", fordert er. Häufig sei aggressives Verhalten bei ärmeren Jugendlichen zu beobachten.

"In Schulen ist körperliche Gewalt häufig mit dem Wegnehmen besonderer Jacken oder anderer Statussymbole verbunden." Siefen fordert die Entwicklung von Programmen, die Kindern aus armen Familien die gleichen Lebenschancen ermöglichen wie denen aus reichen. Außerdem plädiert er für die Einführung von Schuluniformen, damit soziale Unterschiede in der Schule nicht anhand der Kleidung sichtbar sind.

"Kinder, die überfordert sind, verschaffen sich mit Gewalt Luft"

Gerade an Hauptschulen träfen mehr Kinder aus unterpriviligierten Familien zusammen. Aber nicht nur dort, auch an anderen Schulen sei aggressives Verhalten ein Problem. "Kinder, die überfordert sind, neigen dazu, sich mit Gewalt Luft zu verschaffen", sagt er. Deshalb sei die Einführung eines Diagnostik- und Fördersystems erforderlich, das eine falsche Schulwahl von Kindern und Jugendlichen verhindert.

Längere Fehlzeiten, Leistungsabfall oder unspezifische Symptome sollten für Kinderärzte Alarmsignale sein. "Sie sollten nicht nur Atteste schreiben, sondern sehen, ob möglicherweise etwas in der Schule vorgefallen ist", sagt er. Gewalt beginne nicht erst mit körperlichen Übergriffen, sondern bereits mit verbalen Attacken wie Hänseleien. Ein Opfer von Aggressionen frühzeitig zu erkennen und ihm zu helfen, sei auch eine Form der Prävention. Siefen: "Ein erheblicher Teil der Kinder, die Gewalt erleiden, wendet auch Gewalt an."

Übergriffe in Schulen brutaler als früher

In Schulen kommt es heute nicht zu mehr körperlichen Übergriffen als früher, aber zu brutaleren. Zu diesem Schluß kommen Kriminologen der Universität Bochum, die 4000 Schüler der 8. Klasse befragt haben.

Jeder fünfte Hauptschüler gab an, innerhalb des vergangenen Jahres einen anderen schon einmal so stark verletzt zu haben, daß dieser zum Arzt mußte. Von den Gesamtschülern hatten nach eigenen Angaben 14 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten eine derart schwere Körperverletzung begangen, bei den Gymnasiasten waren es acht Prozent.

Angst und Hilflosigkeit sind bei Schülern an Realschulen und Gymnasien am stärksten ausgeprägt, bei Hauptschülern am niedrigsten. Eine mögliche Erklärung: Gymnasiasten und Realschüler fürchten Gewalt gerade deshalb, weil sie sie seltener erleben. (akr)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Ressentiments schüren Gewalt

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