Ärzte Zeitung, 19.04.2006

HINTERGRUND

Auch Adipositas kann bei Kindern auf Vernachlässigung deuten

Von Nicola Siegmund-Schultze

Ein 14jähriges Mädchen kommt wochenlang nicht zur Schule. Auf Nachfrage informiert die Mutter, ihre Tochter sei krank, ein ärztliches Attest bringt sie nicht. Als das Mädchen nach sechs Wochen wieder zum Unterricht erscheint, ist sie völlig abgemagert, schafft es kaum, Treppen zu steigen, hat Blutergüsse im Gesicht und einen angebrochenen Schneidezahn.

Lehrer und Mitschüler sind entsetzt, aber die Familie schottet sich Nachfragen gegenüber ab. Bis ein paar Wochen später die jüngere Schwester aus dem Fenster springt und schwere geistige und körperliche Schäden davon trägt. Erst nach dieser Eskalation werden die Kinder aus der Familie genommen.

30 Prozent der Hauptschüler werden vernachlässigt

Nach der polizeilichen Kriminalstatistik ist das ein Fall von etwa 4200, mit denen sich deutsche Gerichte jährlich befassen, und nur die Spitze des Eisbergs, so Dr. Bernd Herrmann von der Kinderklinik des Klinikums Kassel. Nach Schätzungen ist in Deutschland etwa jedes zehnte Kind in irgendeiner Form vernachlässigt, unter den Hauptschülern sind es bis zu dreißig Prozent.

Die Schätzungen basieren auf zwei größeren Untersuchungen in Deutschland in den Jahren 1990 bis 1997. Oft gehen körperliche Gewalt und Vernachlässigung miteinander einher, aber sie können auch isoliert auftreten. US-Studien zufolge sterben mehr Kinder durch Vernachlässigung als durch körperliche Mißhandlung und sexuellen Mißbrauch (Kinder- und Jugendarzt 6, 2005, 1).

Körperliche Vernachlässigung äußert sich zum Beispiel in inadäquater Ernährung, meist zu wenig und minderwertigem Essen. Die Folgen sind Dystrophien und Wachstumsstörungen. Auch extreme Adipositas kann Ausdruck von körperlicher Vernachlässigung sein, ebenso unangemessene Unterkunft oder Bekleidung, mangelhafte Körper- und Zahnpflege sowie die Weigerung der Eltern, zu Vorsorgeuntersuchungen mit den Kindern zu gehen oder bei akuter Krankheit den Arzt aufzusuchen.

Emotional vernachlässigt sind Kinder, die zu wenig Liebe, Geborgenheit und Respekt erfahren, nicht ausreichend angeregt und gefördert werden, deren Eltern nicht angemessen Grenzen setzen, die Kinder nicht adäquat über Gefahren belehren oder Konsequenzen ziehen, wenn sie die Schule schwänzen, Drogen nehmen oder delinquent werden.

Soziale Isolation und Armut setzen Eltern unter Druck

"Subjektiv habe ich das Gefühl, daß die Probleme von Kindern in den letzten Jahren zugenommen haben", sagte Herrmann, der am Kasseler Klinikum die ärztliche Kinderschutzambulanz und Kinderschutzgruppe leitet. Soziale Isolation, fehlende Ressourcen und sozialer Streß durch Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und vor allem Armut seien die wichtigsten gesellschaftlichen Risiken für Vernachlässigung von Kindern. Auch seelische Erkrankungen der Eltern können eine Vernachlässigung der Kinder begünstigen.

Niedergelassene Haus- und Kinderärzte seien besonders wichtig, um Schwierigkeiten in der Familie zu erkennen, sagte Herrmann auf einer Veranstaltung des Klinikums Kassel und der Techniker Krankenkasse. Die Ärzte könnten am ehesten beurteilen, wie sich das Kind körperlich und seelisch entwickelt, wie Eltern und Kind beim Arztbesuch interagieren, welche Schwierigkeiten es gibt und ob die Vorsorge wahrgenommen wird.

Dazu sei es wichtig, daß Haus- und Kinderärzte Ansprechpartner in ihrer Umgebung kennen, mit denen sie sich bei Verdacht auf Vernachlässigung beraten. "Das können bestimmte Mitarbeiter des Jugendamtes oder eines Sozialdienstes sein, eine Kinderschutzgruppe, andere Fachkollegen, zum Beispiel aus der Neuropädiatrie und der Kinderpsychiatrie, oder auch speziell geschulte Mitarbeiter der Polizei", sagt Herrmann.

In Kassel hat er ein solch multiprofessionelles Netzwerk aufgebaut und berät im Jahr zusätzlich etwa 150 Mal Kollegen aus ganz Deutschland, gelegentlich auch aus dem Ausland. "Wir möchten versuchen, bei den Ärzten die Schwelle zu senken für solche Konsultationen", so der Pädiater. Im zweiten Schritt könne man dann überlegen, ob es notwendig sei, die Anonymität aufzuheben und damit die ärztliche Schweigepflicht zu brechen.

"Wenn ein höheres Gut im Vordergrund steht, das Wohl des Kindes nämlich, ist der Arzt zur Mißachtung der Schweigepflicht berechtigt", sagte Herrmann. Es habe noch keinen Fall in Deutschland gegeben, in dem ein Arzt im Zusammenhang mit Kindesmißhandlung oder Vernachlässigung wegen Brechens der Schweigepflicht verurteilt worden sei.

Weitere Infos unter www.dggkv.de und www.kindesmisshandlung.de

FAZIT

Verdacht auf Vernachlässigung bei Kindern besteht bei Unter- oder Fehlernährung, bei Minderwuchs oder geistigem Entwicklungsrückstand - sofern sich andere Ursachen ausschließen lassen. Weitere Hinweise können schlechte Körper- und Zahnhygiene oder das Meiden von Arztbesuchen sein. Emotionale Mißhandlung äußert sich durch Depressivität, Rückzug, geringem Selbstwertgefühl sowie Aggressionen. Um die Kinder zu schützen, hilft Ärzten ein Netz von Ansprechpartnern in ihrer Umgebung. (nsi)

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