Ärzte Zeitung, 13.11.2006

Hilfe für Eltern von schwerkranken Kindern

Vertrag zwischen AOK Baden-Württemberg und dem "Bunten Kreis Heilbronn" / Umfassendes Nachsorgekonzept

HEILBRONN (mm). Um schwerstkranken Kindern und ihren Eltern bereits während des Klinikaufenthalt des Kindes zu helfen, haben jetzt die AOK Baden-Württemberg und der "Bunte Kreis Heilbronn" einen bundesweit einmaligen Vertrag unterzeichnet. Er stellt sicher, daß die betroffenen Familien Hilfe erhalten, um mit der neuen Situation fertig zu werden.

Betreuung zuhause: Eine Nachsorgeschwester besucht die Familien und unterstützt bei der Pflege. Fotos: beta Institut

Aus Gesprächen zwischen betroffenen Eltern, Ärzten und Pflegekräften entstand 1991 das Nachsorgekonzept des Bunten Kreises. Schon in der Klinik besucht eine Nachsorgeschwester das Kind, sie nimmt Kontakt mit den Eltern auf und arbeitet Hand in Hand mit dem psychosozialen Dienst. Sie tröstet und ermutigt die oftmals Verzweifelten und organisiert die Betreuung von Geschwisterkindern, damit die Eltern ihr krankes Kind besuchen können.

Die Geburt eines behinderten Kindes, ein Herzfehler oder die Diagnose Krebs bei einem Kind, ein Unfall oder eine Erbkrankheit - das betrifft immer die ganze Familie und verändert das Leben schlagartig, wissen die Mitarbeiter des Bunten Kreises. Sie helfen betroffenen Familien zum Beispiel bei der Besorgung medizinischer Geräte für zuhause und verhandeln mit Krankenkassen und Sozialstationen, kontaktieren die betreuenden Hausärzte, sprechen mit Kindergärten, Schulen und Tagesstätten. Sie lehren die Eltern, wie sie ihr schwerkrankes Kind pflegerisch kompetent betreuen können.

Kranke Frühstgeborene stürzen die Eltern in ein Wechselbad der Gefühle. Auch hier hilft der Bunte Kreis.

Der aktuell unterzeichnete Vertrag mit der AOK Baden-Württemberg sichert nun diese sozialmedizinische Nachsorge für alle Kinder bis zum zwölften Lebensjahr. Vereinbart wurde, daß die AOK maximal 20 Nachsorgestunden finanziert. In besonders schweren Fällen können darüber hinaus weitere zweimal zehn Stunden angehängt werden.

Bisher wurde diese Hilfe ehrenamtlich und durch Geldspenden getragen. Eine besondere Rolle spielt dabei die betapharm Nachsorgestiftung. "Unsere Stiftung unterstützt seit 1998 die Verbreitung der Nachsorge. Die wichtigsten Leistungen sind Gelder für die wissenschaftliche Forschung, die Ausbildungsstipendien für angehende Nachsorgemitarbeiter und die Basisfinanzierung des Qualitätsverbundes", informiert Christine Pehl vom Unternehmen betapharm Arzneimittel.

Mitarbeiterinnen des Bunten Kreises halfen auch Sebastian. Der elfjährige Junge mußte sich durch seine Krebserkrankung lange mit den Themen Krankheit und Tod auseinandersetzen. Seine schlimmen Ängste und Sorgen, die ihn lange Zeit abends nicht mehr einschlafen ließen, konnte er mit Hilfe einer Spieltherapie nun verarbeiten. Jetzt kann Sebastian wieder ruhig schlafen.

Ausgehend von Augsburg gibt es mittlerweile 20 Nachsorgeeinrichtungen in Deutschland, die meisten unter dem Namen "Bunter Kreis". "Hilfe zur Selbsthilfe ist unser Leitmotiv", erklärt Peter Schuch, Vorsitzender des Bunten Kreises Heilbronn. Andreas Podeswik, Geschäftsführer des bundesweiten Qualitätsverbundes Bunter Kreis hofft denn auch, "daß bundesweit weitere Vertragsabschlüsse folgen und aufgrund dieser neuen Finanzierungsmöglichkeit auch weitere Nachsorgeeinrichtungen vor allem an Kliniken entstehen können".

Es sei ein Vertrag mit bundesweiter Bedeutung, sind sich der stellvertretende Vorstandschef der AOK Baden-Württemberg Dr. Christopher Hermann und Schuch einig.

Anfang 1994 wurde die erste Nachsorgeschwester aus Spenden und einer Förderung der Globana-Stiftung bezahlt. Mittlerweile arbeiten etwa 70 Fachkräfte stundenweise, Voll- oder Teilzeit für den Bunten Kreis. Im Durchschnitt können Patienten heute schneller aus der Kinderklinik entlassen werden, und die Zahl der Wiedereinweisungen ist gesunken. Das ist gut für die Kinder, die Eltern, und senkt außerdem die Kosten.

Der Bunte Kreis helfe umfassend: psychisch und sozial, medizinisch und finanziell, da wo es eben nötig ist, so Schuch. Die Nachsorgeschwestern und der psychosoziale Dienst organisierten einen schützenden Kreis um die Familie. Sie seien rund um die Uhr telefonisch erreichbar. Wenn möglich werden ihre Besuche seltener. Im schlimmsten Fall, wenn das Kind stirbt, begleiten Mitarbeiter des bunten Kreises auch durch Tod, Bestattung und Trauer.

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