Ärzte Zeitung, 04.12.2006
 

Streckdefizit bei Kindern erregt Verdacht auf Osteochondrose

Die aseptische Knochennekrose wird mit Röntgen, MRT und Ultraschall diagnostiziert

NEU-ISENBURG (ner). Streckdefizite des Ellenbogens bei Kindern und Jugendlichen - da kann eine Osteochondrosis dissecans die Ursache sein. Deswegen rät Dr. Horst Moll aus Leutkirch - auch bei Mädchen - zu einer bildgebenden Diagnostik bis hin zur Magnetresonanz-Tomographie und Ultraschall-Untersuchung.

Anterio-posteriore Aufnahme des rechte Ellenbogengelenks: Zystische Aufhellungen (Pfeil) am Capitulum humeri.

Zwei Jahre später: Im Bereich des radialen Capitulum humeri ist eine Kortikalisunterbrechung erkennbar (Pfeil).

Obwohl die Osteochondrosis dissecans bevorzugt bei Jungen und jungen Männern auftritt, kann sie auch bei Mädchen Grund für Ellenbogenbeschwerden sein, so Moll in der Zeitschrift "Manuelle Medizin" (44, 2006, 313). Er berichtet von einem zwölfjährigen Mädchen mit rezidivierenden Schmerzen im Bereich des rechten Ellenbogens, vor allem bei Belastung. Weder war aus der Anamnese ein vorangegangener Unfall bekannt, noch war die Patientin sportlich besonders aktiv. Das Mädchen konnte den Ellenbogen nicht komplett strecken. Über dem Capitulum humeri war ein Druckschmerz auslösbar.

Zysten am Capitulum humeri im Röntgen sind ein erster Hinweis

Im Röntgenbild fielen zystische Strukturveränderungen mit Sklerosesaum am Capitulum humeri auf. Die Magnetresonanz-Tomographie bestätigte dann den Verdacht auf Osteochondrosis dissecans. Acht Monate nach der ersten Vorstellung bei dem Orthopäden wurde ein freier Gelenkkörper aus dem Ellenbogengelenk entfernt und ein teilweise abgelöstes Knorpelstück wieder fixiert. Dennoch und trotz intensiver Krankengymnastik blieb das Streckdefizit von 15 Grad unverändert.

MRT: Große zystische Veränderungen (dunkel, Pfeil) im Capitulum humeri. Fotos (4): Dr. Horst Moll, Leutkirch

Weitere MRT-Sequenz: Dissekat-verdächtiger Befund (hell im Knochen); zusätzlicher Erguß (heller Saum, Pfeil).

Zwei Jahre nach der Operation klagte das Mädchen erneut über Belastungsschmerzen im rechten Ellenbogen. Die MRT ergab einen 1,2 cm breiten und 0,5 cm tiefen Defekt im vorderen Gelenkflächen-Abschnitt. Weil in der Zwischenzeit die Beschwerden abgeklungen waren, ergaben sich daraus jedoch keine weiteren therapeutischen Konsequenzen.

Der Fall ist insofern typisch, als die Behandlung solcher Patienten meist langwierig ist und oft nicht zum gewünschten Erfolg führt. Wegen der meist geringgradigen Funktionsstörungen, die gut kompensiert werden können, so Moll, werde meist ausschließlich konservativ-symptomatisch behandelt. Die langfristige Prognose hänge im wesentlichen von der Größe des Korpel-Knochendefekts ab sowie vom Ausmaß der Gelenkinkongruenz.

Der Orthopäde empfiehlt, bei Streckdefiziten im Kindes- und Jugendalter von einer strukturellen Erkrankung des Bewegungsapparates auszugehen. Deshalb sei außer der konventionellen Röntgenaufnahme in zwei Ebenen durchaus auch eine MRT angezeigt. Besteht zusätzlich der Verdacht auf einen Gelenkerguß, sollte auch sonographisch untersucht werden.

Die Leitlinie zur Diagnostik und Therapie bei Osteochondrosis dissecans gibt es unter www.awmf-online.de

STICHWORT

Osteochondrosis dissecans

Die Osteochondrosis dissecans wird zu den aseptischen Knochennekrosen gezählt. Sie tritt vor allem im Wachstumsalter auf, bevorzugt an den Knie- und Ellenbogengelenken. Knorpel und subchondraler Knochen sind in einem umschriebenen Bereich nekrotisch. Es können sich freie Gelenkkörper bilden, die Einklemmungserscheinungen verursachen. Der pathogenetische Ablauf kann jederzeit zum Stillstand kommen. Die Ursache ist unklar. Diskutiert werden wiederholte Impulsbelastungen, etwa beim Sport. Über die Häufigkeit der Erkrankung gibt es keine gesicherten Angaben. Jungen und junge Männer sollen häufiger betroffen sein als Mädchen und Frauen. (ner)

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