Ärzte Zeitung online, 09.03.2009

Schon Säuglinge können psychische Störungen haben

HAMBURG (dpa). Schon Säuglinge und Kleinkinder haben nach Ansicht des Kinderpsychiaters Professor Alexander von Gontard ähnlich häufig psychische Störungen wie ältere Kinder. Um das Risiko späterer Erkrankungen zu senken, sei es wichtig, etwa besondere Schwierigkeiten beim Schlafen oder Essen früh zu erkennen.

Darauf hat Gontard zum Abschluss eines Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamburg hingewiesen. "Therapiert werden die Kleinen gemeinsam mit ihren Eltern, weil deren Probleme oftmals das Verhalten des Kindes beeinflussen."

Eltern könnten etwa Angststörungen und Trennungsängste an ihre Kinder weitergeben, sagte Gontard. Auch bei Depressionen und Traumata von Mutter oder Vater sei eine Therapie dringend nötig - auch um den Kleinen nicht zu schaden. "Wir müssen den negativen Kreislauf mit der Behandlung durchbrechen", so der Psychiater. "Die Mütter wollen ja eine gute Beziehung zum Kind. Wir zeigen ihnen Wege, dieses Ziel zu erreichen." Insgesamt hätten etwa 15 Prozent der Heranwachsenden in Deutschland psychische Auffälligkeiten.

Gontard ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Homburg/Saar. In einer Spezialambulanz behandelt der 54-Jährige jedes Jahr bis zu 150 Kinder unter fünf Jahren und ihre Eltern. Mit Videoaufzeichnungen beobachtet der Experte das Verhalten der Mütter und Väter in Alltagssituationen - beim Windelwechseln oder Spielen - und analysiert damit die Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Medikamente setzt Gontard nach eigenen Angaben bei der Behandlung von Kindern nur selten ein. Bei der Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) könne es in besonders schweren Fällen aber schon bei Vierjährigen nötig sein, Arzneien zu verschreiben, sagte der Psychiater. Weil ADHS zu 70 Prozent genetisch bedingt sei, könnten zwar nur wenige Kinder geheilt werden - mit der Früherkennung könne ihnen aber früher geholfen und damit Leid erspart werden.

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