Ärzte Zeitung, 01.12.2005

HINTERGRUND

Die Akupunktur zur Migräne-Prophylaxe ist offenbar ähnlich wirksam wie eine medikamentöse Therapie

Von Barbara Voll-Peters und Gabriele Wagner

TCM-Akupunktur - also eine Akupunktur nach Kriterien der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) - zur Migräne-Prophylaxe reduziert die Attacken-Zahl ähnlich effektiv wie eine medikamentöse Therapie mit Betablockern, Flunarizin oder Valproinsäure. Das ist das für Kopfschmerzspezialisten überraschendste Ergebnis der GERAC (German acupuncture trials)-Kopfschmerzstudien.

Überraschungen gab es schon in den vergangenen zwölf Monaten, als GERAC-Ergebnisse zur Wirkung der Akupunktur bei Gonarthrose und chronischen Rückenschmerzen veröffentlicht wurden: Die traditionelle Akupunktur reduzierte die Beschwerden besser als eine medikamentöse Therapie (wir berichteten).

Ein weiteres Ergebnis sowohl der Knie- und Kreuzschmerz- als auch jetzt der Kopfschmerzstudien: Eine Schein (Sham)-Akupunktur war fast ebenso effektiv wie die TCM-Akupunktur.

Die GERAC-Studien sorgten bereits für Diskussionen

Besonders dieses Ergebnis hat bereits bei den ersten Studien für kontroverse Diskussionen gesorgt: Ärzte, die TCM-Akupunktur machen, sagten, daß die Wirkung der TCM-Akupunkturform viel stärker ist, wenn man, anderes als in GERAC, obligat an den wichtigen TCM-Punkten nadelt.

Andere sagten, daß die GERAC-Ergebnisse nicht aussagekräftig sein können, weil das Studiendesign für jeden, also auch Patienten, im Internet zugänglich und keine Verblindung gegeben war.

Und diejenigen, die einer Akupunktur nur eine unspezifische Reizwirkung oder Placebo-Effekte zugestehen, fühlten sich in ihrer Ansicht durch GERAC bestätigt.

200 Ärzte behandelten 1360 Patienten mit Kopfschmerzen

Wie wurden die GERAC-Kopfschmerz-Studien gemacht? 960 Patienten mit Migräne und 400 Patienten mit Spannungskopfschmerz haben teilgenommen; behandelt wurden sie von 200 Ärzten. Die Patienten wurden randomisiert der TCM-, der Sham-Akupunktur- oder der Medikamenten-Gruppe zugeteilt.

Bei der Verum-Akupunktur waren einige obligate TCM-Akupunkturpunkte vorgegeben, außerdem war das Nadeln an mehreren fakultativen Punkten erlaubt. Insgesamt waren über 100 Akupunktur-Kombinationen möglich. Gestochen wurde etwa an Punkten im Kopfbereich (Ah-Shi- und Nahpunkte) sowie definierten Fernpunkten am Körper, erklärte Professor Hans-Christoph Diener aus Essen bei einer Pressekonferenz in der Ruhr-Universität Bochum. Bei der Veranstaltung wurden die Studienergebnisse vorgestellt.

Pro Akupunktursitzung wurden etwa 15 Nadeln gesetzt

Bei der Sham-Akupunktur wurde gestochen wie bei einer klassischen Akupunktur, allerdings in Nicht-Akupunkturpunkte an Oberarm, Rücken und Oberschenkel. Sowohl bei der Verum- als auch bei der Sham-Akupunktur wurden pro Sitzung etwa 15 Nadeln gesetzt. Die Sitzungen dauerten jeweils 30 Minuten.

In der Medikamenten-Gruppe nahmen die Teilnehmer sechs Monate lang ein Mittel zur Prophylaxe.

Alle Studienteilnehmer durften bei einer Attacke Medikamente nehmen. Aber nur die Mittel, die sie zu Studienbeginn angegeben hatten.

Patienten bekamen 10 bis 15 Akupunktur-Behandlungen

Ergebnis nach sechs Monaten: Mit zehn bis 15 Akupunktursitzungen innerhalb von sechs bis zwölf Wochen konnte in der Studie die Zahl der Kopfschmerztage reduziert werden, wie berichtet. Allerdings gab es zwischen den Akupunktur-Gruppen keine signifikanten Wirkunterschiede.

Beide Akupunktur-Formen waren jedoch - und das überraschte Kopfschmerzspezialisten - der medikamentösen Anfallsprophylaxe bei Migräne nicht unterlegen: Nach sechs Monaten war mit klassischer Akupunktur die Zahl der Kopfschmerztage im Vergleich zum Studienbeginn um 2,3 Tage reduziert, mit Sham-Akupunktur um 1,5 Tage; mit medikamentöser Prophylaxe waren es minus 2,1 Tage. Im Vergleich zu Studienbeginn waren die Unterschiede signifikant; die Unterschiede zwischen den Gruppen waren es aber nicht.

Wie beurteilten die Probanden den Erfolg? Die Patienten konnten Schulnoten von 1 (sehr gut) bis 6 (ungenügend) vergeben. Danach schnitt die Verum-Akupunktur etwa bei den Migräne-Patienten mit 52 Prozent guter oder sehr guter Bewertungen am besten ab, gefolgt von der Sham-Akupunktur mit 45 Prozent und der medikamentösen Prophylaxe mit 34 Prozent .

TCM-Akupunktur erhielt von vielen Patienten gute Noten

Wie waren die Ergebnisse in dem Studienarm für Spannungskopfschmerz? Mit Verum-Akupunktur nahm die Zahl der Kopfschmerztage von im Mittel 15,6 auf sechs Tage ab; in der Sham-Akupunktur-Gruppe von im Mittel 16,4 auf 8,4 Tage.

Ein Vergleich der Ergebnisse beider Akupunktur-Formen mit denen der medikamentösen Prophylaxe war in diesem Studienarm jedoch nicht möglich: Patienten in der Gruppe hätten sechs Monate Amitryptilin zur Prophylaxe nehmen sollen; doch zu viele waren abgesprungen.

60 Prozent der Patienten in der Verum-Gruppe beurteilten den Erfolg der Akupunktur mit sehr gut oder gut (Sham-Akupunktur: 46 Prozent).

Was werden die gesetzlichen Krankenkassen nun mit diesen Ergebnissen GERAC-Studien anfangen? Dr. Bernhard Egger vom AOK-Bundesverband in Bonn hielt sich in Bochum noch ziemlich bedeckt: "Die Zahlen liegen jetzt auf dem Tisch - voraussichtlich wird der Gemeinsame Bundesausschuß der Ärzte und Krankenkassen Anfang 2006 entscheiden, ob die Akupunktur in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen wird."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Nadeln bei Migräne - warum denn nicht?

Lesen Sie auch:
Akupunktur mit Lasernadeln - Wirkung ohne Piekser

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