Ärzte Zeitung, 17.11.2005

Stammzell-Transplantation nach Chemotherapie hat sich bewährt

Neue Technik erhöht Erfolg einer Übertragung von Knochenmark oder Stammzellen

Stammzellen sind wohl die am meisten begehrten Forschungsobjekte - adulte und embryonale Stammzellen gleichermaßen. Oft wird dabei vergessen, daß die Therapie mit Stammzellen, die dem Knochenmark entnommen wurden, schon seit Jahrzehnten Patienten zugute kommt. Vor allem Menschen mit Leukämie oder mit Brustkrebs profitieren von der Therapie mit den adulten Stammzellen aus Knochenmark oder Blut. Welches Potential haben eigentlich Stammzellen?

Von Kerstin Nees

Gestell mit Zellkulturröhrchen mit menschlichen Stammzellen wird vorbereitet. Die Zellen werden mit vielen anderen in flüssigem Stickstoff aufbewahrt. Foto: dpa

Adulte Stammzellen, etwa aus dem Knochenmark, der Haut oder dem Gehirn, sind in der Lage, zum einen sich ständig selbst zu erneuern und zum anderen sich in Zellen des Gewebes, dem sie entstammen, zu entwickeln. Embryonale Stammzellen jedoch, die aus frühen Embryonalstadien vier bis sieben Tage nach der Befruchtung gewonnen werden, können sich in jeden der mehr als 200 Zelltypen des Körpers verwandeln.

Adulte Stammzellen werden bereits seit Jahren für die Behandlung von Patienten genutzt. Für Patienten mit Leukämie, Lymphdrüsenkrebs oder anderen bösartigen Erkrankungen des blutbildenden Systems ist die Übertragung von Knochenmark oder von Stammzellen aus dem Blut häufig sogar unumgänglich. Etwa bei Patienten mit Leukämie ist eine solche Transplantation inzwischen Routine und bei manchen Patienten der einzige Weg zur Heilung.

Präsentiert werden Daten zu Gewebeersatz-Therapie

Wie man heute bei der Übertragung solcher Spenderzellen vorgeht und welche neuen Forschungsergebnisse es gibt, berichten Experten des Düsseldorfer Universitätsklinikums heute auf der Medica, der weltgrößten Medizinmesse mit Kongreß.

Die Forschung mit Stammzellen umfaßt ein sehr weites Spektrum von therapeutischen Möglichkeiten. Besonders intensiv erforscht werden derzeit die Möglichkeiten, mit Stammzellen krankes Gewebe zu regenerieren, zum Beispiel nach einem Herzinfarkt oder bei Gelenkerkrankungen. Diese Forschung ist aber noch im experimentellen Stadium. "Noch ist kein Transfer in die Klinik sichtbar", betont der Düsseldorfer Onkologe Professor Rainer Haas.

"Schon seit vielen Jahren haben blutbildende Stammzellen einen festen Platz in der Therapie von Patienten mit Leukämien und Krankheiten der blutbildenden Zellen im Knochenmark, zum Beispiel nach einer hochdosierten Chemotherapie bei Leukämiepatienten." Damit Patienten nach der aggressiven Behandlung wieder Blutzellen bilden können, werden ihnen Blutstammzellen eines fremden Menschen übertragen.

Diese Therapie birgt aber auch die Gefahr schwerer unerwünschter Wirkungen. An der Düsseldorfer Universitätsklinik werden seit 1989 patienteneigene oder fremde Blutstammzellen übertragen. Die Techniken werden seitdem ständig weiterentwickelt. So wird inzwischen für die Transplantation nur noch selten eine Knochenmarkspende benötigt. Die Stammzellen werden stattdessen fast immer aus dem Blut der Spender gewonnen.

Vorrangiges Ziel der weiteren Forschung ist es, die Verfahren sicherer zu machen und vor allem eine schwere Immunreaktion nach der Transplantation zu verhindern. Bei dieser unerwünschten Reaktion erkennen Immunzellen im Transplantat das Empfängergewebe als fremd und können lebensbedrohliche Schäden vor allem an Haut, Leber und Darm verursachen.

Bei Fremdspenden wird auf zehn Merkmale geachtet

Das Risiko für diese Komplikation hängt davon ab, wie ähnlich sich Spender- und Empfängerzellen sind. "Wir versuchen bei fremden Spendern auf zehn Gewebemerkmale zu achten. Je besser diese Merkmale bei Spender und Empfängerzellen übereinstimmen, umso geringer ist die Gefahr einer schweren Immunreaktion", sagt Dr. Hans-Jürgen Laws Oberarzt an der Klinik für Kinder-Onkologie in Düsseldorf.

Grundsätzlich seien zwar Zellspenden von Geschwistern des Patienten denen von nichtverwandten Spendern vorzuziehen. Aber da die Kinderzahl in den Familien seit einigen Jahren abnimmt, werde es natürlich immer schwieriger, Geschwister zu finden, deren Gewebemerkmale optimal passen, so Laws. Bei fehlendem verwandtem Spender suchen Ärzte sowohl im Deutschen Knochenmarkspenden-Register in Ulm (DKMS) als auch im US-amerikanischen NMDP (National Marrow Donor Program) nach einem passenden Transplantat.

Da bei weitem noch nicht alle Gewebemerkmale bekannt sind und auch nur eine begrenzte Zahl von ihnen getestet werden kann, wird nach der Transplantation das Immunsystem für eine gewisse Zeit medikamentös unterdrückt. Zusätzlich werden bereits seit Jahren physikalische und immunologische Methoden angewandt, um aggressive Immunzellen aus dem Zellgemisch des gespendeten Transplantats zu entfernen und damit schwere Immunreaktionen im Empfänger zu vermeiden.

Nach Angaben von Laws wird nur bei fünf bis zehn Prozent der Patienten kein passender Spender in der Familie oder über das internationale Register gefunden. Allerdings: Diesen Patienten kann dennoch geholfen werden. Denn für sie gibt es inzwischen in Düsseldorf die Möglichkeit, Blutstammzellen aus Nabelschnurblut-Spenden zu übertragen. Die Uniklinik verfügt über die größte Nabelschnurblut-Bank Europas für die Spende von einem Nichtverwandten mit zur Zeit etwa 9000 Zell-Spenden.

Bisher haben 3500 Patienten Nabelschnurblut erhalten

"Der große Vorteil beim Nabelschnurblut ist, daß wir nicht so genau auf die Übereinstimmung der Gewebemerkmale der Zellen achten müssen. Es können auch Spenden für die Übertragung akzeptiert werden, die in einigen Gewebemerkmalen nicht übereinstimmen", betont Professor Gesine Kögler von der José Carreras-Stammzellbank Düsseldorf.

Bisher sind weltweit 3500 Patienten mit Nabelschnurblut behandelt worden, ein Drittel davon Erwachsene. Dabei träten sehr viel weniger Reaktionen der gespendeten Zellen gegen den Empfänger-Organismus auf als bei anderen Transplantationen von Stammzellen fremder Spender.

Kögler: "Entscheidend für die schnelle Wiederherstellung des blutbildenden Systems ist eine gute Zellzahl pro Kilogramm Körpergewicht. Deshalb haben sich die Stammzellbanken weltweit darauf konzentriert, nur noch Transplantate aus Nabelschnurblut mit sehr vielen Zellen einzufrieren." Ein Nabelschnur-Transplantat sollte 500 Millionen kernhaltige Zellen enthalten, empfiehlt die Expertin aus Düsseldorf.

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