Ärzte Zeitung, 09.01.2007

Gendefekt für Schwangerschafts-Cholestase entdeckt

Erbgut von 55 Frauen einer Mennonitenfamilie analysiert / Jede fünfte Patientin hat Gendefekt / Weitere Ursachen wahrscheinlich

BONN (eb). Es liest sich wie ein Wissenschaftskrimi: Im Jahr 2001 kam eine schwangere Frau mit starkem Juckreiz ins Uniklinikum Bonn. Die Kollegen diagnostizierten eine Schwangerschafts-Cholestase - bekanntlich eine Krankheit mit genetischen Ursachen. Eine Kollegin sammelte Blutproben von Verwandten der Patientin.

In den folgenden Monaten spürte die Forscherin Dr. Gudrun Schneider 97 Verwandte der Patientin auf. Sie reiste zu Familientreffen nach Paraguay und Kanada, entnahm bei 55 Familienmitgliedern Blutproben. Zusammen mit Kollegen gelang es ihr, einen Gendefekt zu identifizieren, der die Erkrankung auslöst ("Hepatology" 45, 2007, 150).

Augenfälligstes Symptom der Erkrankung ist der extreme Juckreiz. Manche Patienten lassen sich nachts von ihren Angehörigen ans Bett fesseln, um sich nicht blutig zu kratzen. Ausschließlich Frauen erkranken daran. Die Symptome treten meist nur im dritten Trimenon auf - warum, ist unbekannt. Besonders gravierend: Das Risiko einer Totgeburt ist deutlich erhöht.

  Die Patientin, die in die Universitätsklinik Bonn aufgenommen wurde, kannte die Zeichen bereits: Ihre Tanten, ihre Schwester, viele Kusinen, sie alle hätten während der letzten Schwangerschaftsmonate unter starkem Juckreiz gelitten, sagte sie bei der Untersuchung. "Da wurden wir natürlich hellhörig", erinnert sich Schneider.

Die Ärztin stand damals kurz vor Abschluss ihres Studiums und hatte gerade mit ihrer Doktorarbeit begonnen. "Wir wollten herausfinden, ob die Schwangerschafts-Cholestase genetische Ursachen hat - und wenn ja, welche", sagt sie. Kein einfaches Unterfangen, denn für Vererbungs-Untersuchungen benötigt man viele Patienten, die am besten noch miteinander verwandt sind. Die Schwangere war ein Glücksfall: Sie stammt aus einer weitläufigen Mennoniten-Familie in Paraguay. "Mennoniten haben oft sehr große Familien, deren Angehörige traditionell einen engen Kontakt pflegen", so Schneider. "Die Familie unserer Patientin umfasst drei Generationen mit knapp 100 Mitgliedern in Kanada, Paraguay, Deutschland und Kasachstan."

Schon seit einiger Zeit wird vermutet, dass die Krankheit genetische Ursachen hat. "Es sind Gene bekannt, die im Falle einer Mutation vermutlich die Krankheit auslösen können", sagt Dr. Christoph Reichel, der Doktorvater von Schneider. Die Betonung liegt auf "vermutlich": Die bisherigen Familienstudien hatten kleine Patientenzahlen, was die Aussagekraft einschränkt. Mit Unterstützung der Herbert-Reeck-Stiftung machte sich Schneider daher zu einem Familientreffen nach Paraguay auf, um Material für eine genetische Untersuchung zu sammeln. 26 Angehörige erklärten sich bereit, eine Blutprobe abzugeben. Bei einer zweiten Feier in Kanada kamen Proben weiterer 29 Familienmitglieder hinzu.

Mit mehr als 50 Proben kam die Forscherin zurück nach Bonn - dabei das Blut von sechs Frauen, die in früheren Schwangerschaften über starken Juckreiz geklagt hatten. Damit hatten die Forscher genügend Material für eine genetische Analyse.

Und sie wurden fündig: Im Blut aller Patienten entdeckten sie eine unbekannte Mutation im so genannten MDR3-Gen. "MDR3 galt schon lange als möglicher Kandidat", so Reichel. "Das Gen enthält die Information für ein bestimmtes Transportprotein in der Leber. Die von uns gefundene Mutation hat wahrscheinlich zur Folge, dass dieser Transporter nicht richtig arbeitet."

Jeder Mensch hat in seinem Erbgut zwei Kopien des MDR3-Gens. Ist nur eine dieser Kopien mutiert, kompensiert die zweite den Defekt - allerdings eben nicht in der letzten Phase der Schwangerschaft.

Wahrscheinlich gibt noch weitere Erbfaktoren, die eine Schwangerschafts-Cholestase auslösen können. In der Schweiz scheint aber immerhin bei jeder fünften Patientin eine Mutation im MDR3-Gen der Grund für die Erkrankung zu sein. "Die Glaubensgemeinschaft der Mennoniten hat ihre Wurzeln in der Schweiz", erklärt Reichel. "Auch die Vorfahren der von uns behandelten Patientin sind vermutlich von dort ausgewandert; viele von ihnen sprechen heute noch deutsch. Und diese Herkunft spiegelt sich augenscheinlich noch in ihren Erbanlagen wider."

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