Ärzte Zeitung, 02.04.2012

Erbgut gibt nur wenig über Krankheitsrisiko preis

Die Entzifferung des Erbguts hat Hoffnungen geweckt, Krankheiten frühzeitig zu erkennen. US-Forscher warnen jetzt vor übertriebenen Erwartungen, vor allem was Krebs angeht.

BALTIMORE (dpa). Aus dem gesamten Erbgut eines Menschen lässt sich nur begrenzt das Risiko für häufige Krankheiten wie Krebs vorhersagen.

Zu diesem Ergebnis kommen US-Forscher nach der Auswertung Tausender Daten von eineiigen Zwillingen aus früheren Erhebungen.

"Wir glauben, dass Genomtests kein Ersatz für gängige Strategien zur Krankheitsvorbeugung sein werden", sagte Bert Vogelstein vom Johns Hopkins Kimmel Cancer Center (Baltimore, USA).

Bei den meisten kann ein genetisches Risiko für mindestens eine Krankheit benennen

Das Team um Vogelstein, Kenneth Kinzler und Nicholas J. Roberts präsentiert seine Daten im Fachjournal Science Translational Medicine 2012; 4 (1 27: 127pc4) und auf einer Krebstagung in Chicago.

"Vorausblickendes Screening, frühe Diagnose- und Präventionsstrategien, wie nicht zu rauchen, und die Entfernung von Krebs in frühen Stadien, werden die Schlüssel dazu sein, die Sterberaten durch Krankheiten zu senken", ergänzt Vogelstein.

Vogelstein und Kollegen nahmen Daten zu 24 Krankheiten genauer unter die Lupe, dazu gehören Krebsarten, Alzheimer, Diabetes, Autoimmunerkrankungen, sowie Herzkreislauf- und neurologische Krankheiten.

Zwar könnte bei 90 Prozent der Menschen ein genetisches Risiko für mindestens eine Krankheit benannt werden (positives Testergebnis).

Doch die meisten Menschen würden für 23 Krankheiten negative Testergebnisse erhalten, obwohl sie dennoch im Verlauf des Lebens daran erkranken könnten. Die Autoren warnen vor falschem "Wohlbehagen".

"Erbliche Krebsarten selten"

Für Menschen, in deren Familie kein Krebs vorkomme, sei die Entzifferung des gesamten Erbguts nicht sehr informativ, hieß es.

"Erbliche Krebsarten sind selten. Die meisten Krebsarten entstehen durch Mutationen durch Umwelteinflüsse, Lebensstil und zufällige Genfehler bei der Zellteilung", sagte Kenneth Kinzler vom Ludwig Center (Johns Hopkins).

Auf der anderen Seite könnten theoretisch bei vier Krankheiten mehr als drei Viertel der potenziellen Patienten erkannt werden: Darunter fallen nach Angaben der Johns Hopkins Medical Institutions Erkrankungen der Herzkranzgefäße bei Männern, Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse, Typ-1-Diabetes und Alzheimer.

Die Bedeutung von Gentests für das individuelle Krankheitsrisiko sei auch wichtig für die Wissenschaft, Politik und Industrie, erläuterte Vogelstein. Seit der Entzifferung des gesamten Erbguts von Menschen sind die Kosten für Genanalysen erheblich gesunken.

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