Ärzte Zeitung online, 09.02.2018

Ohne ethischen Ballast

Geklonte Affen = Chinas Machtdemonstration

Mit ihren Klon-Makaken wollen chinesische Forscher zeigen: Wir können auch Menschen klonen. Was das mit der Mondlandung zu tun hat und warum die Asiaten dem Westen bei CRISPR-Cas9 zeigen wollen, wo der Hammer hängt, erklärt unser Autor.

Von Thomas Müller

Geklonte Affen: Für China vor allem eine Machtdemonstration

Ein von chinesischen Forschern geklonter Affe.

© picture alliance / ZUMAPRESS.com

Man muss den US-Schriftsteller Daniel Suarez als Visionär bezeichnen: Er nimmt aktuelle technische Entwicklungen auf und spinnt sie in die nahe Zukunft fort. Heraus kommen beklemmende Thriller mit mehr "Science" als "Fiction".

In seinem neuen Buch "Bios" skizziert er eine Welt nach der biotechnologischen Revolution: Im Jahr 2045 beleuchten phosphoreszierende Bäume die Straßen, eine Mischung aus Tiger und Katze ist als Haustier sehr beliebt, gleichzeitig sprießen illegale Reproduktionskliniken, in denen zahlungskräftige Kunden Kinder nach Maß anfertigen lassen, wie Pilze aus dem Boden.

Das Herzinfarktrisiko senken – wie wäre es mit einem Edit am PCSK9-Gen? Alles machbar, dank der 2012 entdeckten CRISPR-Cas-Methode. Doch die Musik spielt nicht in den USA, sondern in Asien.

Wer etwas in der Birne hat, der zieht nach Singapur oder in eine andere asiatische Metropole. Der Westen hat die Entwicklung komplett verschlafen, die USA setzten zulange auf Bibel- statt Biostunden. Die Migranten strömen nun in die andere Richtung.

Klonen – Technik des vergangenen Jahrhunderts

Verfolgt man aktuelle Nachrichten, lässt sich einem solchen Szenario durchaus etwas abgewinnen. Knapp vier Monate nach Veröffentlichung von "Bios" publizierten Forscher um Dr. Shoukhrat Mitalipov den ersten erfolgreichen Genediting-Versuch an menschlichen Embryonen. Über CRISPR-Cas hatten sie einen Gendefekt repariert. Die Embryonen wurde natürlich nicht implantiert und ausgetragen. Das Experiment zeigt jedoch, was möglich ist.

Interessant an der Publikation ist die Autorenliste. Mitalipov stammt aus Kasachstan, die meisten Koautoren sind Asiaten, ein großer Teil der Arbeit erfolgte in Südkorea und China. Die ethischen Debatten darüber fanden aber fast nur im Westen statt.

Mit dem ersten erfolgreichen Klonen von Affen kommt der nächste Paukenschlag aus Asien: Chinas Forscher könnten damit in der Lage sein, Menschen zu klonen (Cell 2018; online 24. Januar). "Die technischen Hürden dafür sind ausgeräumt", werden sie in der einheimischen Presse zitiert.

Menschen klonen: extrem aufwändig und ziemlich nutzlos

Nun ist das Klonen nicht gerade eine Zukunftstechnologie. Das Klonschaf Dolly erblickte bereits vor 22 Jahren das Licht der Welt, seither ist es eher still um das Verfahren geworden. Was die Chinesen getan haben, erinnert eher an die erste Mondlandung: machbar, aber extrem aufwändig und ziemlich nutzlos.

Allenfalls ein paar Grundlagenforscher mögen sich an Klontieren erfreuen, doch selbst für sie ist es kaum praktikabel, in großem Stil Säuger zu kopieren: Für ihre beiden Äffchen haben die Chinesen über 400 Zellkerne transferiert, geklappt hat es dann auch nur mit fetalen Spenderzellen, nicht mit solchen von einem ausgewachsenen Tier wie bei Dolly.

Das Klonen eines erwachsenen Menschen dürfte wohl doch nicht so einfach sein. Das sollten sich all diejenigen vor Augen führen, die wieder einmal einen Dammbruch proklamieren.

Doch selbst wenn es machbar wäre – zu welchem Zweck? Ein Klon wäre nicht die Kopie eines Menschen, sondern nur seiner DNA. Eine Genkopie von Albert Einstein könnte statt Physiker genauso gut ein genialer Massenmörder werden.

Und wenn sich bald Organe aus induzierbaren pluripotenten Stammzellen züchten lassen oder sich das Genom per CRISPR-Cas nach Wunsch editieren und optimieren lässt – wozu sollte jemand mit hohem Aufwand eine von der Natur zufällig zusammengewürfelte Genkombination kopieren? In Suarez' Zukunftsvision kommt das klassische Klonen aus gutem Grund nicht mehr vor.

Ziel ist Technologie-Vormacht

Weshalb haben sich Chinas Forscher also so ins Zeug gelegt, um zwei Makaken-Klone herzustellen? Vermutlich ging es hier vor allem um eine Machtdemonstration – der Westen hat sich jahrelang beim Affenklonen die Zähne ausgebissen.

Indem Chinas Forschern genau dies gelungen ist, machen sie eines deutlich: Ihre Biotechnologie ist inzwischen auf einem Niveau, das mit dem Westen partiell mithalten kann, und ohne den Ballast ethischer Limitierungen wird es diesen vielleicht schon bald überflügeln.

China investiert schon seit Jahren viel Geld in die biomedizinische Forschung und beginnt nun die ersten Früchte zu ernten: In hochrangigen Fachzeitschriften finden sich immer häufiger Namen und Orte aus dem Reich der Mitte.

Und während im Westen nicht wenige die biomedizinische Forschung generell für Teufelszeug halten, werden die Resultate in China voller Stolz präsentiert: Die Namen der beiden Klonäffchen Zhong und Hua heißen kombiniert so viel wie "chinesische Nation".

2049: China als führende Technologiemacht?

Bis zum Jahr 2030 will die chinesische Führung ein Gesundheitssystem auf westlichem Niveau errichten und 2049 die USA als führende Technologiemacht ablösen. Ob das so einfach gelingt, darf bezweifelt werden, unterschätzen sollte die chinesischen Forscher aber niemand. Das jedenfalls hat das Klonexperiment klar gemacht.

Zudem mischen auch Länder wie Korea, Singapur und Japan in der Biotech-Forschung an vorderster Front mit.

Die Lehre für den Westen ist relativ simpel: Wenn wir künftig vor allem ethische Bedenken produzieren, aber kaum noch eigene Forschungsergebnisse, wird der biotechnische Fortschritt eben ohne uns stattfinden. Dann könnte Suarez' Vision von der asiatischen Dominanz schon bald Realität sein.

Techniken wie CRISPR-Cas bergen ungeahnte Möglichkeiten, aber auch erhebliche Risiken: Mit ihnen lässt sich das Menschsein buchstäblich neu definieren. Das geht uns alle an. Wir sollten uns daher nicht mit einem Platz an der Seitenlinie begnügen.

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