Ärzte Zeitung, 30.11.2012

Ein Vorurteil

"Pflanze harmlos, Rest böse"

Über Vor- und Nachteile von Naturheilmitteln und Schulmedizin besteht Beratungsbedarf. Ärzte wünschen sich dafür eine bessere Studienlage.

Von Dirk Schnack

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Mehr Kassen sollen die Kosten für Naturheilmittel übernehmen: Christiane Regensburger, BAG Selbsthilfe.

© Stephan Gabriel

Wie gehen Patienten mit Naturheilmitteln um? Das wollte Moderator Malte Wilkes in einer Talkrunde beim Debattengipfel wissen. Die Erfahrungen von Hausarzt Klaus Schäfer sind unter dem Strich positiv, aber er berichtete auch von einem hohen Beratungsbedarf.

Er führt dies auf Vorurteile bei manchen Patienten zurück. "Pflanze harmlos - Rest böse: Diese Illusion muss man manchen Patienten nehmen", sagte der Hamburger Hausarzt.

In der Praxis bedeutet die Verordnung von Naturheilmitteln keinen unerheblichen Beratungsaufwand. "Bei Erkältungswellen ist das nicht immer drin", räumte Schäfer ein.

Sein Gesamteindruck: Naturheilmittel werden von Patienten nachgefragt und honorieren es, wenn Ärzte sich damit auseinandersetzen.

Für chronisch kranke Patienten sind auf Privat- oder grünem Rezept verordnete Arzneien aber nicht immer ein Segen. Denn ihnen fehlt oft das Geld, die Kosten dafür selbst zu tragen, wie Cristiane Regensburger weiß.

Das Vorstandsmitglied in der BAG Selbsthilfe würde es daher begrüßen, wenn mehr Krankenkassen dem Beispiel der Techniker Krankenkasse (TK) folgten und die Kosten dafür erstatten.

Worauf aber sollen sich die Verordner verlassen, wenn niedrige Probandenzahlen die Studienlage bei Naturheilmitteln beeinträchtigen?

Gelungenes Experiment

Professor Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde an der Charité, verteidigte die Forschung auf diesem Gebiet und plädierte zugleich für eine öffentliche Förderung.

Schäfer unterstützt dies. Er wünscht sich mehr unabhängige Forschung, um bei der Verordnung eine bessere Entscheidungsgrundlage zu haben.

Auch für Apotheker sind Naturheilmittel als Selbstmedikation aus der Apotheke eine hohe Herausforderung in der Kommunikation mit Patienten.

Fritz Becker, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes (DAV) und Präsident des Landesapothekerverbandes Baden-Württemberg, sieht im niedrigschwelligen Zugang auch eine hohe Chance, die Patienten umfassend aufzuklären.

Für den Verkauf gilt nach seiner Ansicht eine klare Grenze "bei dubiosen Dingen, die ich als Apotheker auch nach intensiver Recherche nicht erklären kann. Wenn was Windiges kommt, dürfen wir nicht mitmachen", stellte er klar. Das Kostenerstattungsmodell der TK hält auch er für nachahmenswert.

Das Fazit am Ende der Veranstaltung zog Ulrich Fricke, Vertriebsleiter des Unternehmens Dr. Wilmar Schwabe. Er hält das gewählte Format für ein "gelungenes Experiment", bei dem inhaltlich bei den meisten der Wunsch zu spüren war, dass der Nutzeneffekt von Naturheilmitteln künftig stärkere Berücksichtigung findet.

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