Ärzte Zeitung online, 20.07.2017
 

Transplantationsmedizin

Erstmals bekommt ein Kind zwei Hände verpflanzt

Ein achtjähriger Junge mit einer tragischen Krankheitsgeschichte bekommt zwei neue Hände. Die Op ist ein voller Erfolg: Anderthalb Jahre später kann er schreiben, essen und sich selbstständig anziehen. Die Transplantation ist nach Angaben der behandelnden Ärzte eine Premiere.

Von Matthias Arnold

Premiere: Erstmals bekommt ein Kind zwei Hände verpflanzt

Zion Harvey hält einen Football: 18 Monate nachdem ihm zwei Hände transplantiert wurden.

© picture alliance / Children?s Ho

PHILADELPHIA. Der acht Jahre alte Zion Harvey aus den USA schreibt, isst und zieht sich mit zwei transplantierten Händen an. 18 Monate nach der Operation hat das Kind den behandelnden Ärzten zufolge gelernt, mit seinen neuen Händen mehr Handlungen auszuführen als zuvor mit seinen Stümpfen (Lancet Child Adol Health 2017; online 17. Juli). Ihren Angaben zufolge ist es die erste erfolgreiche Handtransplantation bei nicht-verwandten Kindern.

Nach der Op hätten sich der Junge und sein Gehirn erst daran gewöhnen müssen, die Hände zu nutzen, schreiben die Ärzte. Vor allem innerhalb des ersten Jahres wehrte sich sein Körper mehrfach. "Sein Gehirn kommuniziert mit den Händen", sagt der Chef des Chirurgenteams am Kinderkrankenhaus in Philadelphia, Scott Levin, in einem Youtube-Video. "Es sagt ihnen, dass sie sich bewegen sollen, und sie bewegen sich. Allein das ist bemerkenswert, weil dieser Teil des Gehirns für sechs Jahre seines Lebens nicht aktiv war."

Verlust der Hände nach Blutvergiftung

Das Kind war im Alter von zwei Jahren an einer bakteriellen Sepsis erkrankt, die unter anderem zu Nierenversagen und dem Verlust der Hände sowie Teilen der Unterarme und der Füße führte.

Als ihr Sohn vier Jahre alt war, spendete die Mutter ihm eine Niere. Später wurden dem Kind über eine Spenderliste Hände zugewiesen. Über den Spender ist nichts bekannt. Der Junge war für die Handtransplantation ausgewählt worden, weil er wegen der Nierentransplantation schon eine immunsuppressive Therapie benötigte. Eineinhalb Jahre lang bereiteten Ärzte, Kinderpsychologen und Sozialarbeiter den kleinen Zion auf die schwierige Operation und die langwierigen Folgen vor. Aus medizinischer Sicht war vor allem die Verbindung der kleinen Nerven und Blutgefäße eine Herausforderung. Die Op dauerte fast elf Stunden.

Die Wochen und Monate nach der Transplantation trainierte der Achtjährige seine neuen Hände. Nach und nach nahm der Junge immer mehr Reize über die Hände wahr, konnte sie immer besser bewegen und einsetzen. Zudem ist es gelungen, dass die Hände mit dem Körper mitwachsen. Inzwischen geht es für den Achtjährigen darum, sich wieder in sein soziales Umfeld einzugliedern und zur Schule zu gehen.

Viele Abstoßungsreaktionen

Der positive Verlauf der Hand-Transplantation bei einem Kind sei eine Premiere, schreiben die Autoren in der Studie. Allerdings gab es dabei auch Rückschläge: Unzählige Male habe man den Jungen gegen Abstoßungsreaktionen behandeln müssen.

Schon häufiger sei es gelungen, ganze Gliedmaßen zwischen eineiigen Zwillings-Kindern zu übertragen. Noch nie seien jedoch Extremitäten zwischen unverwandten Kindern erfolgreich übertragen worden. Ein solcher Versuch sei zuletzt mit dem Tod eines Jugendlichen gescheitert.

Der Fall des achtjährigen Jungen lässt sich in eine ganze Reihe von spektakulären Transplantationen der letzten Jahre stellen, zu denen Ärzte mittlerweile in der Lage sind. Schon im Jahr 2000 hatten sie einem erwachsenen Mann neue Hände verpflanzt. Drei Jahre später transplantierten Ärzte in Wien erstmals eine Zunge. Einer Französin wurden 2005 bereits Mund und Nase eines toten Spenders übertragen. Die Frau ist allerdings elf Jahre später an einer Krebserkrankung gestorben. Und im Jahr 2014 erhielt ein 21-jähriger Südafrikaner einen neuen Penis. Wenige Monate später zeugte er damit ein Kind. (dpa, Mitarbeit: eis)

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