Ärzte Zeitung, 31.03.2005

IM GESPRÄCH

Starker Straßenverkehr - vor allem mit Dieselfahrzeugen - sorgt zunehmend für dicke Luft in deutschen Städten

Von Philipp Grätzel von Grätz

Was sich in den letzten Wochen bereits andeutete, ist vor wenigen Tagen Realität geworden: Die Städte München und Stuttgart haben als erste Kommunen in Deutschland die seit Anfang 2005 gültige Grenze für die Belastung der Luft mit Feinstaub erreicht.

    Lunge und Herz leiden unter der Belastung mit Staubpartikeln.
   

Bereits an 36 Tagen ist der Grenzwert von im Tagesmittel 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft in der bayerischen Landeshauptstadt in diesem Jahr überschritten worden. An höchstens 35 Tagen pro Jahr ist das eigentlich erlaubt.

Auf dem Klageweg sollen Dieselwagen raus aus der Stadt

Auch andere deutsche Städte werden in den nächsten Wochen die EU-Latte reißen. In Berlin etwa hat die deutsche Umwelthilfe angekündigt, die Stadt auf dem Klageweg zu zwingen, Sofortmaßnahmen zu erlassen, die geeignet sind, die Belastung der Bevölkerung mit Feinstaub zu reduzieren.

Auch andernorts drohen Fahrverbote und City-Maut-Systeme, um die Hauptverursacher des bodennahen und damit gesundheitlich relevanten Feinstaubes aus den besonders belasteten Innenstädten herauszuhalten, nämlich Dieselwagen ohne Rußfilter.

Im allgemeinen werden unter Feinstaub Schwebstoffe mit einem Durchmesser von maximal zehn Mikrometern verstanden. Für diese "PM 10" genannten Partikel, die beim Atmen den Kehlkopf passieren, gelten die neuen EU-Grenzwerte. Besonders tückisch sind die feinen Partikel mit einem Durchmesser von zwei bis drei Mikrometern, denn die erreichen nicht nur den Bronchialbaum, sondern auch die Alveolen.

Die negativen gesundheitlichen Wirkungen von Feinstaub sind vielfältig, wie Privatdozent Dr. David Groneberg von der Charité Berlin zur "Ärzte Zeitung" sagte. Die pathophysiologische Hypothese ist, daß Feinstaub im Lungenepithel eine Batterie an Mediatorsystemen anstößt, die letztlich dazu führen, daß vermehrt entzündungsfördernde Botenstoffe ausgeschüttet werden. Dadurch ziehen sich die Luftwege zusammen, die Austauschfunktion des Alveolarepithels wird beeinträchtigt und die Sauerstoffversorgung des Herz-Kreislaufsystems insgesamt verschlechtert sich.

"Klinisch führt Feinstaubexposition eindeutig zu einer Zunahme der Krankenhauseinweisungen wegen Asthma bronchiale und COPD", so Groneberg. Vor allem aufgrund sekundärer Herz-Kreislaufschäden erhöht Feinstaub auch die Sterblichkeit.

Ministerialdirektor Dr. Uwe Lahl vom Bundesumweltministerium präsentierte auf dem Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie in Berlin Daten der WHO, wonach ein mittlerer Anstieg des Luftgehalts an Feinststaub ("PM 2,5", Durchmesser bis 2,5 Mikrometer) um 10 Mikrogramm pro Kubikmeter das relative Sterblichkeitsrisiko um ein Zehntel bis ein Fünftel erhöht. Die Gefahr, eine ischämische Herzerkrankung zu entwickeln, wächst demnach pro zehn Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft um ein Viertel bis ein Drittel.

Besonders bedrückend findet Groneberg eine neue Studie aus Kalifornien: In zwölf Städten mit unterschiedlich schmutziger Luft wurde bei Kindern zwischen dem zehnten und dem achtzehnten Lebensjahr die Lungenentwicklung in Abhängigkeit vom mittleren Feinstaubgehalt in der Luft untersucht.

"Normalerweise sollte die Lungenkapazität in dieser Zeit um rund zwei Liter ansteigen", so Groneberg. Tatsächlich kam es aber in einigen Städten zu einer signifikant geringeren Zunahme des FEV1-Werts, und zwar abhängig vom Luftgehalt an Feinstaub. "Luftverschmutzung führt dazu, daß unsere Lungen nicht so groß werden, wie sie sollten", so Gronebergs Schlußfolgerung.

Vor allem wenn es später zu einer manifesten Lungenerkrankung komme, fehle den Betroffenen dadurch die pulmonale Reservekapazität. Das wiederum führt zu früheren und schwereren Komplikationen der Erkrankung. Ob Feinstaub auch Lungenkrebs auslöst, wird kontrovers diskutiert. Eine US-amerikanische Langzeit-Studie aus dem Jahr 2002, die in "JAMA" publiziert wurde, fand zumindest ein solches Risiko für Partikel unter 2,5 Mikrometer Größe.

Weniger große Schwebteile, aber immer mehr Feinstaub

Daten des Umweltbundesamts zufolge stieg der Anteil der Meßstationen, bei denen an mehr als 35 Tagen pro Jahr der Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wurde, zwischen 2000 und 2003 von etwa sieben Prozent auf 35 Prozent.

Gründe dafür könnten zum einen das höhere Verkehrsaufkommen sein, zum anderen die Tatsache, daß der Anteil der Dieselfahrzeuge an den Neuzulassungen weiter steigt. Doch auch der Erfolg der letzten Jahrzehnte bei der Verringerung der großen Schwebstoffe hat seinen Preis, denn große Partikel scheinen durch Absorptionseffekte kleinere Schwebstoffe aus der Luft zu filtern.

STICHWORT

Feinstaub und Straßenverkehr

Der Straßenverkehr hat an der in Bodennähe gemessenen und damit gesundheitlich relevanten Feinstaubbelastung einen Anteil von 49 Prozent (Berlin) bis 62 Prozent (Rhein-Main-Gebiet). Die Hälfte davon stammt aus Abgasen, in erster Linie aus Dieselabgasen. Durch Dieselrußfilter läßt sich die Partikelkonzentration in den Abgasen um 99 Prozent reduzieren. Die andere Hälfte der verkehrsbedingten Feinstaubbelastung kommt durch den Abrieb von Bremsen und Reifen sowie durch Aufwirbelungen von der Straße zustande. Abrieb und Aufwirbelungen sind bei gepflasterten Straßen höher als bei asphaltierten. Sie sind außerdem geringer in Straßen mit stetig fließendem Verkehr. (Quelle: Umweltbundesamt 2005)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Fahrverbot ist keine Lösung

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