Ärzte Zeitung, 16.11.2016
 

Frauen

Neues zu chronischem Unterbauchmerz

Urogenitale Schmerzsyndrome – durch erfolgreiche Behandlung eines Schmerzsyndroms lässt sich auch das Schmerzempfinden anderer Schmerzsyndrome reduzieren.

Von Andreas Häckel

MANNHEIM. Urogenitale Schmerzsyndrome wie die Vulvodynie und die interstitielle Cystitis (IC) sind häufig und zudem oft mit weiteren Schmerzsyndromen vergesellschaftet. Allein an der Vulvodynie leiden in den USA geschätzt sechs Millionen Frauen, berichtete Professor Ursula Wesselmann, Anästhesiologin, Psychologin und Neurologin von der Universität Birmingham, Alabama.

Vulvodynie bezeichnet Schmerzen in den äußeren primären Geschlechtsorganen, die länger als drei Monate ohne identifizierbare Ursache andauern. Dabei können die Schmerzen entweder am Scheideneingang lokalisiert, generalisiert über den gesamten Perinealbereich oder als gemischte Form auftreten. Der Anteil weiterer, extragenitaler Schmerzen ist besonders bei Patientinnen mit der gemischten Form mit über 40 Prozent besonders hoch, so Wesselmann beim Deutschen Schmerzkongress.

Quantifizierbar sind die Vulvodynie-bedingten Schmerzen durch "quantitative thermal testing" mit einer, in die Vagina eingeführten temperierbaren Sonde, mit der sich Schwellenwerte für Wärme- und Kälteschmerz ermitteln lassen. Dabei finden sich bei Frauen mit Vulvodynie im Vergleich zu gesunden Probandinnen stets niedrigere Schwellenwerte, also eine Hypersensibilität.

Die interstitielle Cystitis ist charakterisiert durch unangenehme Empfindungen oder Schmerzen im Bereich der Harnblase und dem Gefühl eines anhaltenden Harndranges sowie Schmerzen bei der Blasenentleerung, ebenfalls ohne identifizierbare Ursache.

Eine eigene Studie Wesselmanns bei mehr als 300 Patientinnen mit interstitieller Cystitis ergab, dass viele der Frauen bereits vor Beginn der IC-Symptome über weitere Schmerzsyndrom-Cluster wie Reizdarm, Fibromyalgie, Chronic Fatigue Syndrome, Siccasyndrom, aber auch zusätzlich über stattgefundene chirurgische Eingriffe teilweise Jahre vor Beginn der IC berichteten.

Eine Analyse fand dabei einen Zusammenhang zwischen den extraurethralen Schmerzen und einer erhöhten Anzahl chirurgischer Eingriffe, insbesondere einer Hysterektomie bei den späteren Patienten mit interstitieller Cystitis. Bei Frauen mit vielen funktionellen somatischen Symptomen stieg dabei die Wahrscheinlichkeit einer Operation.

Wird solchen Patienten eine Hysterektomie empfohlen, sollten zunächst jedoch alternative, nicht invasive Optionen erwogen werden, empfahl Wesselmann. Liegt eine "Chronic Overlap Pain Condition – etwa die Kombination einer Dysmenorrhoe mit einem Reizdarmsyndrom – vor, so sind die Schmerzen jeder einzelnen Manifestation, auch der extragenitalen Syndrome, überdies stärker als bei isoliert auftretenden Syndromen.

Allerdings lässt sich durch erfolgreiche Behandlung eines Schmerzsyndroms auch das Schmerzempfinden anderer Schmerzsyndrome reduzieren. So senke die erfolgreiche hormonelle Behandlung einer Dysmenorrhoe zugleich das Schmerzniveau eines gleichzeitig vorhandenen Reizdarm-Syndroms.

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