Ärzte Zeitung, 04.03.2005

Dicke Kinder gelten bei Türken meist als wohlgenährt

Berliner Verein hat Ernährungs-Kampagne für Migranten entwickelt, die jetzt bundesweit ausgedehnt werden soll

Tülin Duman sieht aus, als wüßte sie aus eigener Erfahrung, wovon sie spricht: "Eltern schlanker Kinder gelten oftmals als geizig", sagt die schmale Kursleiterin von Gesundheit Berlin. Dicke Kinder dagegen gelten in der türkischen Bevölkerung meist als wohlgenährt und nur selten als übergewichtig.

    Zweisprachiges Kochbuch gibt Tips für bessere Ernährung.
   

Kinder türkischer Herkunft sind bei den Schuleingangsuntersuchungen in Berlin doppelt so oft übergewichtig wie deutsche Kinder. Damit ist auch das Risiko für ernährungsbedingte Folgeerkrankungen wie Diabetes unter den Migranten weiter verbreitet.

Deshalb hat der Verein Gesundheit Berlin für den Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK) unter dem Titel "Gesund essen mit Freude" eine Ernährungs-Kampagne für Migrantinnen entwickelt. Das Modellprojekt, das im Berliner Stadtteil Wedding startete, soll unter der Schirmherrschaft von Verbraucherministerin Renate Künast und des türkischen Botschafters nun bundesweit verbreitet werden.

"Nur wenn die Gesundheitsförderung ausgetretene Pfade hinter sich läßt, können wir die Gesundheitschancen von Migranten nachhaltig verbessern", meint Klaus-Dieter Voß, Vorstand beim BKK-Bundesverband. Abseits ausgetretener Gesundheitsförderungspfade haben im Weddinger Sprengelkiez türkische Frauen beim Ernährungskurs in vier Monaten viel über Ernährung, Eßstörungen, Übergewicht und die Folgeschäden erfahren.

Beim Kochen haben die Migrantinnen ihr neues Wissen selbst ausprobiert. Halb türkisch ist auch das Ergebnis des Kurses. Ein zweisprachiges "Kiezkochbuch" mit Ernährungstips ist unter Mithilfe der Ökotrophologin Andrea Möllmann entstanden.

Das Kochbuch hat bereits erste Berühmtheit erlangt. Ende Januar stand es Pate für eine einwöchige Sendereihe mit Rezeptzubereitungen und Expertengesprächen zu gesunder Ernährung im türkischen Fernsehsender TD1, bei der unter anderem auch Berlins Gesundheitssenatorin Dr. Heidi Knake-Werner (PDS) auftrat.

Bei der parallel geschalteten Hotline riefen jeden Tag bis zu 80 Frauen an, wie der Verein Gesundheit Berlin meldet. Außer Bestellungen des kostenlosen Kochbuchs seien vor allem Nachfragen zu Diäten, Kinderernährung und Diabetes eingegangen.

"Das Thema gesunde Ernährung brennt türkischen Frauen unter den Nägeln", schließt daraus der Geschäftsführer von Gesundheit Berlin e.V., Raimund Geene. Scheinbar haben die Migrantinnen schnell gelernt, daß schlanke Kinder nicht für Geiz, sondern für Gesundheitsbewußtsein stehen. (ami)

Weitere Infos, das Kochbuch und das Kursmanual gibt es zum Download im Internet unter: www.saglik-berlin.de

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