Ärzte Zeitung, 22.06.2005

Fettabsaugen lernt man nicht an einem Wochenende

Ursache für schwere Komplikationen ist meist schlechtes Management / Manchen Anbietern fehlt es offenbar an Op-Erfahrung

BERLIN (gvg). Etwa 150 000 mal wird in Deutschland pro Jahr Fett abgesaugt. Die Liposuktion gilt als einfach, schnell und ungefährlich. Daß das nicht unbedingt stimmt, belegt eine Untersuchung, bei der in über 3000 Einrichtungen nachgefragt worden ist.

Die Befragung wurde von der Deutschen Gesellschaft für Plastische Chirurgie zusammen mit den Gesellschaften für Pathologie, Rechtsmedizin und Anästhesie organisiert. Auf Anschreiben mit der Frage nach Komplikationen erhielten die Initiatoren aus den Einrichtungen 1150 Antworten zu Komplikationen in den Jahren 1998 bis 2002.

      Die Liposuktion gilt als ungefährlich - das stimmt so nicht.
   

In Großstudien wird die Liposuktion als praktisch frei von schweren Komplikationen beschrieben. Für Professor Heinz-Herbert Homann von der Ruhr- Universität Bochum sind diese Ergebnisse nur bedingt auf Deutschland zu übertragen. "In Deutschland kann jeder Liposuktionen anbieten, der eine Approbation hat und einen entsprechenden Wochenendkurs absolviert", so Homann.

Die Sicherheit, die in Großstudien durch die hohe Qualifikation gewährleistet wird, ist im Alltag nicht gegeben. So wurde von 70 schweren Komplikationen berichtet, die einen Aufenthalt auf einer Intensivstation nach sich zogen. Bei der Mehrheit davon sei das Komplikationsmanagement miserabel gewesen, was für Anbieter mit wenig Erfahrung in operativen Disziplinen spreche, sagte Homann.

Es kam dreizehnmal zu einer schweren Sepsis, zehnmal zu massiven Hautnekrosen, achtmal zu Embolien und siebenmal zu Nachblutungen mit hämorrhargischem Schock. Dazu kamen 15 Fälle von operativen Komplikationen wie Perforation eines Hohlorgans oder Kreislaufstillstand. 56 der siebzig Komplikationen ereigneten sich in den ersten 24 Stunden nach der Op. 19 endeten tödlich.

Die Auswertung der Todesfälle habe gezeigt, so Homann, daß sie in erster Linie darauf zurückzuführen waren, daß auf eine Komplikation nicht angemessen reagiert wurde. So wurde eine Patientin, die am ersten Tag nach der Operation 40 Grad Fieber bekam, mehrere Tage ambulant weiterbetreut, wie Homann auf dem Berliner Hauptstadtkongreß berichtete. Eine andere Patientin, die drei Tage nach dem Eingriff mit großflächigen Bauchdeckennekrosen zurückkam, wurde ebenfalls ambulant weitertherapiert.

Generell verteufeln will Homann die Liposuktion jedoch nicht. Sie sei eine tolle Sache, wenn die Indikation stimme und die Kontraindikationen (BMI über 30, höhergradige Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen) beachtet würden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Rätselhafter Demenz-Rückgang

Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Wisssenschaftliche Erklärungen für die Beobachtung fallen schwer. mehr »

Immuntherapie gewinnt an Stellenwert in der MS-Therapie

Die Therapieoptionen bei Multipler Sklerose (MS) haben sich erweitert. Neue Substanzen werden daher auch in die aktualisierten Leitlinien Einzug halten. mehr »

Polarisierung – Chance für das Parlament

Gesundheitspolitik in Zeiten der großen Koalition – das stand für die fehlende Konkurrenz der Ideen. Der Souverän hat die Polarisierung gewollt. Das ist eine Chance für die Demokratie. mehr »