Ärzte Zeitung, 16.01.2006

Formuladiäten sind gute Option bei schwerer Adipositas

Übergewicht wird reduziert, Gewichtsabnahme stabilisiert / Positiver Einfluß auf Nüchternblutzucker / Sport steigert Insulin-Sensitivität

80 Prozent der Typ-2-Diabetiker wiegen zuviel. Helfen ihnen Diät, Sport oder Chirurgie? Ernährungsmediziner Professor Hans Hauner von der Technischen Universität München setzt auf den Abbau von Pfunden durch Formuladiäten.

Von Helga Brettschneider

Menschen mit schwerer Adipositas wie diese Frau profitieren stark von einer Gewichtsreduktion. Diese kann mit Hilfe einer Formuladiät erreicht werden. Foto: klaro

Adipositas ist bekanntermaßen der wichtigste Risikofaktor für Typ-2-Diabetes. "Es geht daher im Wesentlichen darum, Übergewicht zu verhindern oder zu beseitigen", so Hauner. "Das ist der Hauptansatz für Prävention und Therapie bei Diabetes Typ 2." So lassen bereits zehn Kilogramm weniger den HbA1c um 1,5 bis zwei Prozentpunkte purzeln. Allerdings oft nur kurze Zeit, weil viele Patienten die Nahrungsrestriktion nicht lange aushalten.

Nüchternglukose um 52 mg/dl nach einer Woche Diät gesenkt

Hilfe bietet künftig vielleicht eine Formuladiät: eine kurzzeitige, sehr niedrig-kalorische Ernährung aus dem Labor. Bereits nach einer Woche mit 800 Kalorien täglich sank bei adipösen Patienten mit Typ-2-Diabetes die Insulinresistenz, die Nüchternglukose fiel um 52 mg/dl - und das schon ohne großen Gewichtsverlust, so Hauner beim Symposium der niedergelassenen Diabetologen und der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Bonn.

Ein Vergleich von Typ-2-Diabetikern, die alle fünf Wochen fünf Formuladiät-Tage einlegten oder diese Diät in der zweiten Woche fünf Tage und danach einen Tag pro Woche einhielten, mit jenen, die 20 Wochen lang ihre Kalorienaufnahme konventionell begrenzten, ergab: Bei vergleichbarer Energieaufnahme nahmen die Diabetiker in den Formulagruppen mehr ab.

Als Mahlzeitenersatz-Strategie kann eine Formuladiät den Gewichtsabbau offenbar auch langfristig stabilisieren. Dabei werden von insgesamt drei Mahlzeiten täglich bis zu zwei durch ein Formulaprodukt mit 200 Kalorien ersetzt. Die Mahlzeiten wählt der Patient aus. Das funktioniere gut, so Hauner. Nichtdiabetikern konnten so eine Abnahme von bis zu 15 Kilogramm über fünf Jahre erhalten.

Auch die Diabetesprävention bei prädiabetischen Patienten mit bereits leicht erhöhten Glukosewerten nach dem Essen sollte Gewichtsabbau zum Ziel haben, so Hauner. Fünf Prozent weniger Gewicht werden als Minimum empfohlen. Kombiniert mit gesundem Essen und Bewegung kann dies Diabetes oft um Jahre aufschieben und helfe auch manifest Zuckerkranken.

Sport steigere die Insulin-Empfindlichkeit, senke Blutzucker und HbA1c und unterstütze das Abnehmen. Er ist aber nicht beliebt: Selbst Diabetesschulung, Diät- und Insulintherapie mochten Patienten in einer Umfrage lieber, berichtete Professor Klaus Völker von der Uni Münster. Dabei lohnt sich Bewegung. So wurden in einer Studie über 1000 Männer mittleren Alters mit Typ-2-Diabetes anhand ihrer Fitneß in fünf Gruppen eingeteilt.

Die Patienten der Gruppe mit der geringsten Fitneß hatten dabei im Vergleich zu den drei Gruppen mit der höchsten Fitneß eine doppelt so hohe allgemeine Mortalität, so Völker. Selbst bei neuropathischen Schäden lasse sich offenbar etwas erreichen: Zweimal Bewegungstherapie mit Gleichgewichtstraining pro Woche besserte innerhalb von sechs Monaten die Sensitivität.

Völker empfiehlt, die Patienten zu motivieren. Sie sollen merken, daß sie selbst die Situation beeinflussen können. Realistische Ziele seien dabei besser als intensive Maßnahmen, die nicht durchgehalten werden. Zumal die Abnahme der Insulinresistenz durch Bewegung immer nur wenige Tage anhält. Mindestens 2000 Kalorien pro Woche sollten so verbraucht werden. Das sei schon erreichbar, wenn man statt des Aufzugs die Treppe nehme, kurze Strecken laufe statt zu fahren und dreimal 30 Minuten pro Woche Rad fahre oder schwimme.

Magenband oder Magenbypass sind operative Option

Für adipöse Diabetiker zwischen 18 und 60 Jahren, die trotz konservativer Therapien einen Body Mass Index (BMI) über 40 kg/m² behalten, bleibe als Alternative eine Operation: Magenband oder Bypass. Ein anpaßtes Magenband verkleinere nur das Magenvolumen und begrenze so die Nahrungsaufnahme.

Die Patienten litten vier bis sechs Wochen unter Erbrechen, bis sie lernen, ihre Mahlzeiten erheblich zu reduzieren. Die Erfolge seien gut, so Professor Bernhardt Husemann vom Dominikus-Krankenhaus in Düsseldorf: Drei von vier Patienten mit einem mittleren BMI von 45 senkten ihren BMI in fünf Jahren unter 35 , über 40 Prozent sogar unter 30.

Die zweite operative Intervention sei ein Magenbypass, der einen Teil des Dünndarms überbrückt. So werde die Nahrungsabsorption verringert. Nach dem Eingriff haben alle Patienten abdominelle Beschwerden, akzeptieren dies aber wegen der Abnahme, so der Chirurg.

Der Mineralhaushalt bereite allerdings Probleme, der Patient müsse unter Beobachtung bleiben. Dafür bessern die kombinierten Verfahren die Diabeteseinstellung besonders schnell: "Nach einem Monat haben sie praktisch keine diabetische Stoffwechsellage mehr."

STICHWORT

Formuladiäten

Formuladiäten liefern einen industriell gefertigten, sehr niedrig-kalorischen Nahrungsersatz. Sie kommen für Patienten mit starkem Übergewicht in Betracht (Body Mass Index über 30 kg/m²), bei denen konventionelle Abnehmversuche wie eine kalorienreduzierte Mischkost nicht anschlagen.

Die Produkte ersetzen einzelne Mahlzeiten oder den gesamten Tagesbedarf an Nahrung. Paragraph 14 a der Diätverordnung legt den Gehalt an Vitaminen, Mineralstoffen, Ballaststoffen, Fett und Protein fest. Der komplette Tagesbedarf umfaßt 800 bis 1200 Kilokalorien. Davon entfallen 25 bis 50 Prozent, aber höchstens 125 Gramm, auf Proteine. Fette machen höchstens 30 Prozent aus. Das sehr fehleranfällige Berechnen von Kalorien und Fett entfällt.

Die Diät ermöglicht einen starken Gewichtsverlust in kurzer Zeit, so die Leitlinie "Prävention und Therapie der Adipositas". Sie soll höchstens zwölf Wochen vorgenommen werden und von einem Arzt überwacht werden. Bei Diabetikern unter anderem deshalb, weil der Insulinbedarf beim Abnehmen sinken kann und die Insulindosis angepaßt werden muß.

Formulaprodukte werden meist in Pulverform angeboten. Gängige Marken sind zum Beispiel Slim-Fast, Modifast und Multaben. Sie sind in Apotheken erhältlich, teilweise auch in Supermärkten. In Wasser oder Milch eingerührt entsteht aus dem Pulver ein Milchshake, eine Creme oder eine Suppe. Einzelne Hersteller bieten auch Riegel an. Die Geschmacksrichtungen reichen von Schokolade über Kaffee bis zur Spargelcremesuppe. Die Kassen erstatten die Kosten allerdings nicht.

FAZIT

Basis für Prävention und Therapie bei Typ-2-Diabetes ist, Übergewicht zu verhindern oder abzubauen. Formuladiäten können offenbar den Gewichtsabbau stabilisieren. Kombiniert wird die Diät mit Sport - er ist unbeliebt, steigert aber Insulinempfindlichkeit und senkt den Blutzucker. Hält sich der BMI trotz aller Therapieversuche über 40 kg/m², bleibt als Alternative eine operative Verkleinerung des Magenvolumens oder die Verminderung der Nahrungsresorption durch Magenbypass.

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