Ärzte Zeitung, 14.05.2008

HINTERGRUND

Bewegung macht Kinder nicht nur fit, sondern auch klug

Von Lajos Schöne

Bewegung ist für die Entwicklung eines Kindes von fundamentaler Bedeutung: Von ihr gehen entscheidende Impulse für alle Wachstumsprozesse aus. Schon Neugeborene haben einen intensiven Bewegungsdrang und bei Kleinkindern bis zum dritten Lebensjahr gibt es pro Stunde mindestens 24 bewegliche Minuten.

Beim Gehen fließt 13 Prozent mehr Blut durch das Gehirn.

Danach geht es jedoch kontinuierlich bergab, stellt die Stiftung Kindergesundheit aus München fest. So empfiehlt die WHO in ihren "Activity Guidelines" mindestens eine Stunde pro Tag moderate bis starke Bewegung und das an fünf Tagen in der Woche. "Dies wird in Deutschland nur noch von einem Drittel der 11- bis 15-jährigen Jungen und einem Viertel der gleichaltrigen Mädchen erreicht", warnt der Vorsitzende der Stiftung, Professor Berthold Koletzko.

Die Folge können Übergewicht, Haltungsfehler oder Kreislaufschwäche sein. "In den vergangenen 20 Jahren hat sich die körperliche Leistungsfähigkeit der Schüler um etwa zehn Prozent verschlechtert", sagt der Kinder- und Jugendarzt. Und in Deutschland sind schon 15 Prozent der 3- bis 17-Jährigen übergewichtig und 6 Prozent adipös, hat der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) ergeben. Zu den Ursachen gehört eine passive Lebensweise mit:

  • Mediatisierung: Anstatt wie früher drei bis vier Stunden draußen bei Bewegungsspielen zu verbringen, verlassen viele Kinder kaum noch die Wohnung. Der Spielplatz erscheint gegenüber dem elektronischen Medienangebot in der Wohnung zu wenig attraktiv.
  • Verhäuslichung: Nur jedes dritte Kind spielt jeden Tag im Freien. Zweimal pro Woche und häufiger kommen 39 Prozent der Kinder an die frische Luft und 25 Prozent nur einmal pro Woche oder seltener.
  • Verinselung: Immer mehr Kinder können heute außerhalb der Wohnung kaum noch selbstständig spielen. Aktivitäten finden oft so weit weg von der Wohnung statt, dass das Kind auf den Transport durch Erwachsene angewiesen ist. Ihre Freizeit verbringen Kinder nicht mehr wie früher in Gruppenspielen draußen, sondern spielen in der Wohnung zu zweit oder sogar ganz allein.

Bei Schuleingangsuntersuchungen in Mannheim zeigt sich zudem, dass jedes vierte 5- bis 6-jährige Kind ein eigenes Fernsehgerät in seinem Zimmer hat. Schon im Alter zwischen 3 und 5 Jahren sitzen sie 75 Minuten lang vor dem Bildschirm, 10- bis 13-Jährige sind 108 Minuten mit audiovisuellen Medien beschäftigt.

Koletzko empfiehlt: "Eltern sollten den Fernsehkonsum ihrer Kinder rigoros kontrollieren. Eine Stunde Fernsehen pro Tag ist für zehn- bis elfjährige Schüler bereits genug. Außerdem sollten Eltern dringend darauf achten, dass ihre Kinder sich ausreichend bewegen, zum Beispiel im Sportverein".

Bewegung macht Kinder nicht nur körperlich fit, sondern auch klüger. Allein beim Gehen wird die Durchblutung des Gehirns um 13 Prozent erhöht. Es entstehen mehr Nervenbotenstoffe (Neurotrophine), es steigt die Zahl der Nervenverbindungen und das Aktivitätsniveau des Gehirns wird erhöht. Studien ergaben, dass eine gute Bewegungskoordination mit einer guten Konzentrationsfähigkeit einhergeht. Kinder, die in ihrer frühen Kindheit viel körperlich aktiv waren, sind später in ihrer Sprachentwicklung weiter als Kinder, die ihre frühe Kindheit passiv verbringen müssen.

Nach Studien des Karlsruher Sportwissenschaftlers Professor Klaus Bös sind Kinder, die täglich Bewegungsangebote erhalten, weniger aggressiv. Sie haben auch deutlich weniger Unfälle. Sie gehen motivierter zur Schule und werden in ihrer Persönlichkeit gestärkt.

Vier Dinge, die Kinder richtig träge machen

"Kinder würden sich mehr bewegen, wenn Erwachsene sie ließen", betont Professor Berthold Koletzko. Doch was tun Eltern wirklich?

  • Sie sichern ihre Babys im Schalensitz, tragen sie so herum und verwahren sie darin im Auto, Einkaufswagen oder auf dem Küchentisch. Das ist Gift für Haltung und Entwicklung. Das Kind verliert jedes Gefühl für Schwerkraft und Gleichgewicht.
  • Babyhopser und gefährliche Lauflerngeräte - anderswo längst verboten - stehen bei uns immer noch hoch im Kurs und lassen dem Baby keine Möglichkeit, seine Motorik selbst zu entfalten.
  • Sportliche Mütter oder Väter joggen gern mit einem geländegängigen Kinderwagen - selber laufen würde dem Kind aber besser gefallen.
  • Selbst das erste Dreirad hat oft einen Schiebegriff und macht das Kind passiv und träge. (eb)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Hüpfen und Einbeinstand halten fit

Hüpfen, Treppensteigen oder auf einem Bein Zähneputzen: Mit bewussten, einfachen Übungen können alte Menschen ihre Beweglichkeit erhöhen und die Sturzgefahr senken. mehr »

Gala mit Herz und Verstand

Mit einer festlichen Gala hat Springer Medizin pharmakologische Innovationen und ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Die Preisträger vermittelten Hoffnung auf Heilung und auf Hilfe, hieß es am Donnerstagabend. mehr »

Das sind die Gewinner des Galenus-von Pergamon-Preises 2017

Mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis, der auch international große Anerkennung findet, wurden erneut Exzellenz in der deutschen pharmakologischen Grundlagenforschung und die Entwicklung innovativer Arzneimittel gekürt. mehr »