Ärzte Zeitung online, 29.12.2010

DKFZ-Chef: Bald mehr Krebs durch Übergewicht als durch Rauchen

HEIDELBERG (dpa). Übergewicht wird das Rauchen nach Ansicht des Krebsspezialisten Prof. Otmar Wiestler in Zukunft als Hauptursache von Tumoren ablösen. Grund sei "die Zunahme des Übergewichtsproblems", mit dem diverse Tumorarten verbunden seien, sagte der Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ).

DKFZ-Chef: Bald mehr Krebs durch Übergewicht als durch Rauchen

Immer mehr Menschen werden älter; immer mehr dicker - und die Krebsraten steigen.

© Sheila Eames / fotolia.com

Wiestler erwartet insgesamt mehr Krebsfälle - weil die Menschen immer älter werden. Allerdings sei auch damit zu rechnen, dass durch neue Medikamente und zunehmend auf den Einzelnen abgestimmter Therapien mehr Menschen geheilt werden könnten, sagte er zur dpa in Heidelberg.

Nach Wiestlers Angaben sind in diesem Jahr etwa 450.000 Menschen in Deutschland neu an Krebs erkrankt. Etwa die Hälfte der Betroffenen werde geheilt. Rund 30 Prozent der Fälle werden mit dem Rauchen in Verbindung gebracht. Problem beim Rauchen sei, "dass die Politik letztlich dieses Laster unterstützt und nichts tut, um konsequent dagegen vorzugehen", kritisierte Wiestler.

Zum allgemein erwarteten Anstieg der Krankheitsfälle sagte Wiestler, dieser habe mit dem Zugewinn an Lebensjahren zu tun. "Krebserkrankungen sind ja Krankheiten, die vor allem im höheren Lebensalter auftreten." Grund sei nicht, "dass jetzt neue Risikofaktoren für Krebserkrankungen auf uns einwirken, von denen wir bisher nichts wussten". Es werde aber - wie beim Übergewicht - Verschiebungen beim Spektrum der Risiken geben.

In Zusammenhang mit Übergewicht beobachten die Wissenschaftler eine wachsende Zahl an Speiseröhrenkrebs, Darm-, Brust-, Nieren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Der genaue Grund sei noch nicht ganz klar. "Das ist ein wichtiges Thema für die Forschung in der nächsten Etappe", ergänzte Wiestler.

Eine gewisse Zunahme wird nach Angaben des Fachmanns für alle Krebsarten beobachtet - mit Ausnahme der Erkrankungen bei Kindern. Auch dabei spielt die demografische Entwicklung eine Rolle. "Da wir abnehmende Kinderzahlen haben in Deutschland, nimmt auch die Gesamtzahl an Krebserkrankungen im Kindesalter etwas ab", sagte er.

Mit dem Blick auf die Zukunft zeigte sich Wiestler überzeugt, dass "die Heilungsraten ansteigen" werden. Die Forscher hätten inzwischen "bei der Mehrzahl aller Krebserkrankungen eine relativ gute Vorstellung", welche Veränderungen im Erbgut und in der Zelle abliefen. "Damit ist es möglich, Medikamente zu entwickeln, die genau an solchen Veränderungen angreifen".

Es gebe immer mehr von diesen Mitteln, die individuell eingesetzt werden könnten - je nachdem, ob der oder die Kranke die entsprechende Anlage aufweise. Denn der Krebs unterscheide sich auch innerhalb einzelner Formen - und müsse verschieden behandelt werden.

Die Mittel müssten außerdem mit einer Chemotherapie oder Bestrahlung oder miteinander und mit einer dritten Komponente kombiniert werden. "Das wird erlauben, dass man in Zukunft mehr und mehr die Krankheit Krebs in ein Stadium bringen kann, wo man viele Jahre gut damit leben kann - auch wenn man sie vielleicht nicht immer komplett beseitigen oder heilen kann. Und insgesamt werden auch die Heilungsraten ansteigen."

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