Ärzte Zeitung online, 29.12.2011
 

Das Gewicht halten ist wie ein Marathon

Welche psychosomatischen, psychosozialen und genetischen Faktoren haben Einfluss darauf, wie sich nach erfolgreichem Abspecken das Körpergewicht entwickelt? Daten der Studie EBOTS bringen hier erste Antworten.

Management des Gewichts gleicht einem lebenslangen Marathon

Laufen und das Gewicht halten - fast eine Analogie.

© sexcamp graphics / fotolia.com

BOCHUM (eb). Es ist schwer genug, sich überflüssiger Pfunde zu entledigen. Viel schwieriger aber scheint es, nach erfolgreichem Abspecken nicht wieder zuzunehmen.

Nur etwa 15 Prozent aller Menschen sind in der Lage, eine erfolgreiche Reduktion des Gewichts von fünf bis zehn Prozent über mehrere Jahre zu halten, erinnert die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM).

Für den langfristigen Erfolg sei entscheidend, dass sich Menschen in der Erhaltungsphase selbstständig kontrollierten und sich etwa bei psychischen Störungen wie Depression fachliche Hilfe holen, so die DGEM.

In einer prospektiven Studie - der "Essen-Bochum Obesity Treatment Study" (EBOTS) untersuchen an der Ruhr-Universität Bochum Privatdozentin Dr. Tanja Legenbauer (jetzt LWL Universitätsklinik Hamm der Ruhr-Universität Bochum) und Professor Stephan Herpertz über 500 schwer übergewichtige Männer und Frauen.

Die Arbeitsgruppe ist gerade dabei, die Nachbeobachtung nach neun Jahren abzuschließen.

Versuch, das Gewicht stabil zu halten, ist oft erfolglos

Im Vordergrund des Projekts steht die Identifizierung möglicher psychosomatischer, psychosozialer und genetischer Prädiktoren für den Gewichtsverlauf nach einer konservativen oder chirurgischen Maßnahme zur Gewichtsreduktion.

Besonders vor dem Hintergrund der bislang geringen Erfolgsquoten der Gewichtsstabilisierung nach erfolgter Gewichtsabnahme sei die Identifikation von Erfolgsprädiktoren von größter Wichtigkeit.

Erst damit könnten die bestehenden Therapien an die Bedürfnisse der unterschiedlichen Patientenkollektive angepasst werden, heißt es in der Mitteilung der DGEM.

Die Bochumer Arbeitsgruppe ist am Forschungsverbund MAIN des Kompetenznetzes Adipositas beteiligt, welcher sich mit JoJo-Effekten und Faktoren für eine erfolgreiche Gewichtserhaltung nach Abnahme beschäftigt.

Probanden sind einer von drei Gruppen zugeordnet

In der Studie EBOTS werden drei Probandengruppen näher untersucht:

Über 250 Patienten nahmen ein Jahr lang an einem Programm zur Gewichtsreduktion teil.

Es förderte außer einer initialen Gewichtsabnahmephase mit Formuladiät ein ausgewogenes Ernährungs- und Bewegungsverhalten; auch wurden bei Gruppensitzungen unter psychologischer Anleitung Verhaltensweisen thematisiert.

Eine zweite Gruppe von 153 adipösen Männern und Frauen unterzog sich einer Magenband-Op.

128 adipöse sowie 174 normalgewichtige Personen ohne Wunsch nach Gewichtsreduktion bildeten die Kontrollgruppe.

Was das Gewicht - auch im Langzeitverlauf - betraf, war der größte Erfolg bei denjenigen Patienten festzustellen, die ein Magenband bekommen hatten, teilt die DGEM mit.

Diese Patienten nahmen im ersten Jahr nach der Op im Mittel 36,9 kg ab; vier Jahre nach der Op lag der durchschnittliche Gewichtsverlust noch bei 34,5 kg.

Die Studienteilnehmer mit konservativer Therapie erreichten im Jahr der Therapie einen mittleren Gewichtsverlust von 18,2 kg; nach vier Jahren lag die durchschnittliche Gewichtsabnahme vom Ausgangsgewicht ausgehend bei 3,7 kg.

Auch psychiatrische Interviews wurden geführt

Die Probanden wurden unter anderem auch mit einem standardisierten psychiatrischen Interview und einem strukturierten Interviews zur Erfassung der Essstörungspsychopathologie untersucht.

Die Erforschung genetischer Polymorphismen des 825 T-Allels und des Melanocortin3-Rezeptors erfolgte mittels Gentypisierung.

Neben dem Vergleich der Prävalenzen psychischer Störungen in den einzelnen Gruppen, von denen die affektiven Störungen, Angst- und Essstörungen besondere Berücksichtigung fanden, liegt das vorrangige Ziel der Studie EBOTS in der Erforschung der Zusammenhänge von Gewichtsverlauf und genetischen, soziodemographischen und psychosozialen Variablen.

Nach der bisherigen Datenanalyse hat die seelische Situation auf den Gewichtsverlauf nur in der Gruppe der operierten Patienten Einfluss auf den Gewichtsverlauf.

Es konnte gezeigt werden, dass psychische Faktoren einen deutlichen Einfluss auf die weitere Gewichtsentwicklung hatten.

"Laut unseren Untersuchungen verschlechtert eine Depression insbesondere bei den Chirurgiepatienten die Chance, das Gewicht auch längerfristig zu halten. Daher ist anzuraten in diesen Fällen möglichst rasch therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen und nicht erst zu warten, bis das Gewicht wieder nach oben geklettert ist", wird Legenbauer in der Mitteilung der DGEM zitiert.

Gewichtsmanagement braucht einen langen Atem

Besonders zeigte sich in der Gruppe der Studienteilnehmer mit Gewichtsreduktionsprogramm, dass die Fähigkeit, sich beim Essen kontrollieren zu können, positiv auf den Erhalt der Gewichtsabnahme wirkt.

Gewichtsmanagement braucht einen langen Atem: Gewicht zu halten sei eher mit einem lebenslangen Marathon zu vergleichen und definitiv keine Kurzstrecke, so die DGEM.

"Wir müssen Adipositas als chronische Erkrankung begreifen", sagt Legenbauer. "Dem Gewicht sollten die Betroffenen permanent zu Leibe rücken - alle Anstrengungen nützen nichts, wenn die Patienten in alte Gewohnheiten zurückfallen."

Nach Angaben von Legenbauer müssen Lebensstiländerungen - wie regelmäßiges und gesundes Essen sowie ausreichend Bewegung - ständig kommuniziert und überprüft werden, damit sie den Betroffenen auch in "Fleisch und Blut" übergehen. Sie empfiehlt eine tägliche Gewichtskontrolle, um möglichst schnell gegensteuern zu können.

Auch eine längerfristige Nachbetreuung sei vorteilhaft, um einen veränderten Lebensstil zu festigen. Nachteilig wirke sich ein Essverhalten aus, das sich an externen Reizen (etwa Uhrzeiten oder Angebot von Speisen) orientiert.

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