Ärzte Zeitung, 02.04.2012

Mit Magen-Op Diabetes erfolgreich bekämpfen

ROM/BOSTON (eb). Extrem dicke Patienten können von einer Magen-Operation offenbar doppelt profitieren: Sie hilft gegen Übergewicht und bringt eine dauerhafte Remission des Typ-2-Diabetes. Das belegen erneut zwei Studien.

Von Dirk Einecke

Mit Magen-Op Diabetes erfolgreich bekämpfen

Chirurgen können extrem adipöse Diabetiker "heilen", zeigten zwei Studien.

© Prof. Rudolf Weiner

CHICAGO. Bariatrische Chirurgie gegen Diabetes mellitus: Das ist ein radikales Vorgehen mit einem verstümmelnden, aber offenbar sehr erfolgreichen Eingriff.

In der aktuellen US-amerikanischen STAMPEDEStudie, deren Ergebnisse zeitgleich auf dem Jahreskongress des American College of Cardiology ACC in Chicago und im "New England Journal of Medicine" publiziert wurden, waren 150 Diabetiker in drei Gruppen behandelt worden (NEJM 2012; online am 26. März):

In Gruppe 1 wurde laparoskopisch ein Magenbypass nach der Roux-en-Y-Methode angelegt. Hierbei wird vom Magen ein sehr kleiner Pouch belassen und dieser direkt mit dem Dünndarm verbunden. Der größte Teil des Magens und das Duodenum werden umgangen.

In Gruppe 2 wurde ein sogenannter Tunnelmagen angelegt, bei dem der Magen zirka 70 bis 80 Prozent seines Volumens einbüßt.

In Gruppe 3 wurde die medikamentöse Diabetes-Therapie intensiviert. Darüber hinaus wurde den Patienten Gewichtskontrolle per Diät und Bewegung verordnet. Ernährungsberater, Endokrinologen und Psychologen bemühten sich regelmäßig um die Patienten. Alle Patienten betrieben ein Blutzucker-Selbstmanagement zu Hause.

Diabetes seit mehr als acht Jahren unkontrolliert

Wie der STAMPEDE-Studienautor Professor Philip Schauer, Direktor des bariatrischen und metabolischen Instituts der Cleveland Clinic, berichtete, hatten die 150 Studienpatienten einen bereits seit mehr als acht Jahren unkontrollierten Diabetes mellitus.

Der durchschnittliche HbA1c-Wert lag bei 9,2 Prozent trotz Einnahme von im Schnitt knapp drei Antidiabetika. Über 50 Prozent der Patienten erhielten mehr als drei Antidiabetika, mehr als 50 Prozent spritzten Insulin, etwa 80 Prozent nahmen Lipidsenker und etwa 75 Prozent Blutdrucksenker. Die Patienten waren übergewichtig, aber im Schnitt mit einem BMI von 36 nicht extrem adipös.

Der primäre Studienendpunkt war ambitioniert: Die Autoren wollten den HbA1c von 9,2 Prozent auf unter 6 Prozent senken, auf Normwerte also. HbA1c-Werte unter 6 Prozent erreichten 12 Prozent der Patienten in der medikamentösen Gruppe, 42 Prozent der Patienten mit Bypass-OP und 37 Prozent der Patienten mit Tunnelmagen.

Bemerkenswert: Viele der operierten Patienten erreichten das HbA1c-Ziel von unter 6 Prozent ohne weitere Einnahme von Antidiabetika! Die durchschnittlichen HbA1c-Senkungen nach 12 Monaten betrugen 1,4 Prozent in der medikamentösen Gruppe sowie je 2,9 Prozent in den operativen Gruppen.

Antidiabetika-Bedarf reduziert

Während die Patienten in der Medikamentengruppe weiterhin etwa drei Antidiabetika einnahmen, reduzierte sich der Antidiabetika-Bedarf in der Tunnelmagengruppe auf im Schnitt 0,9 und in der Bypass-Gruppe auf im Schnitt 0,3 Medikamente. Weniger als 10 Prozent der operativ behandelten Patienten blieben Insulin-pflichtig.

Rein biochemisch gesehen waren die Patienten mit HbA1c-Werten unter 6 Prozent ohne Medikamente ihren Diabetes wieder los. Doch um von Heilung zu sprechen, sei es zu früh, warnten die Autoren: Dazu müssen die Langzeitergebnisse abgewartet werden.

Besonders bemerkenswert war die Geschwindigkeit, mit der sich die diabetische Stoffwechsellage verbesserte: Manche der operierten Patienten konnten noch während des stationären Aufenthaltes ihre Antidiabetika absetzen, so Schauer.

Dies spricht seiner Ansicht nach dagegen, dass nur die Reduktionen von Gewicht und Appetit für die Effekte verantwortlich sind. Vielmehr scheint der chirurgische Eingriff seine schnelle Wirkung über eine Beeinflussung gastrointestinaler Hormone zu entfalten, die bei Diabetes eine wichtige Rolle spielen.

Die operativ behandelten Patienten verloren erheblich an Gewicht: Im Schnitt 29 kg in der Bypass-Gruppe (von 107 auf 78 kg) beziehungsweise 25 kg (von 100 auf 75 kg) in der Magenverkleinerungs-Gruppe. Die medikamentös behandelten Patienten reduzierten ihr Gewicht immerhin auch noch im Schnitt um 5,4 kg (von 104 auf 99 kg).

Darüber hinaus benötigten die operativ behandelten Patienten erheblich weniger Medikamente gegen Bluthochdruck oder hohe Cholesterinwerte: Während vor der Op noch 70 bis 85 Prozent der Patienten zwei oder mehr kardiovaskuläre Medikamente benötigten, so waren dies ein Jahr nach der Operation nur noch etwa 25 Prozent!

Die Operation war nicht ganz ohne Komplikationen: Manche Patienten erlitten vor allem Blutungen oder Dehydratationen. Schwere Komplikationen oder Todesfälle waren aber nicht zu beklagen. Bei 4 Prozent der Patienten musste die Operation revidiert werden.

Weitere Studie mit 60 Diabetikern publiziert

Das "New England Journal of Medicine" hat zeitgleich mit der zuvor vorgestellten Studie eine zweite Studie zur bariatrischen Chirurgie publiziert (NEJM 2012; online am 26. März).

In dieser Studie waren die 60 Diabetes-Patienten ebenfalls medikamentös oder mit zwei unterschiedlichen bariatrischen Verfahren behandelt worden: Entweder mit dem Roux-en-Y-Magenbypass, oder mit der biliopankreatischen Diversion, bei der der Magenausgang mit einem unteren Teil des Dünndarms verbunden wird.

Auf diese Weise haben Nahrung und Verdauungssäfte nur eine gemeinsame Strecke von etwa 50 cm, was zu einer erheblichen Verminderung der Fettresorption führt.

Im Vergleich zur medikamentösen Kontrollgruppe waren auch in dieser Studie die operativen Verfahren sehr effektiv: Nach zwei Jahren hatten 75 Prozent und 95 Prozent der operativ behandelten Patienten eine Diabetes-Remission, im Vergleich zu 0 Prozent unter medikamentöser Therapie. Nach Magenbypass-Op fiel der HbA1c-Wert auf im Schnitt 6,35 Prozent, nach biliopankreatischer Diversion auf 4,95 Prozent.

Operation ein Heilmittel für Typ-2-Diabetes?

In einem begleitenden Editorial zu beiden Studien stellen P. Zimmet aus Melbourne sowie K. G. Alberti aus London die Frage, ob die bariatrische Chirurgie das Heilmittel für den Typ-2-Diabetes wird. Ihre Antwort lautet - vorsichtig: Noch nicht! Denn noch liegen erst drei entsprechende Studien mit relativ kleinen Patientenzahlen und begrenzter Nachbeobachtungsdauer vor.

Doch trotz der potentiellen unerwünschten Wirkungen der operativen Behandlung und trotz der Frage, ob die Operation eine Heilung oder "nur" eine Remission erzielt, sehen die Editorialisten einen Paradigmenwechsel.

Denn einige Jahre mit erheblich besserer Stoffwechselkontrolle verzögern auf jeden Fall vaskuläre Komplikationen.

Bereits im vergangenen Jahr hat die International Diabetes Federation (IDF) in einem Positionspapier die bariatrische Chirurgie als ein geeignetes Therapieverfahren für adipöse Typ-2-Diabetiker eingestuft, die medikamentös keine Zielwerte mehr erreichen.

Die Editorialisten sehen dies ähnlich: Die bariatrische Chirurgie sollte in der Diabetes-Therapie nicht als Ultima ratio angesehen, sondern häufiger und früher in der Krankenkarriere dicker Diabetiker erwogen werden.

Quelle: www.springermedizin.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Rätselhafter Demenz-Rückgang

Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Wisssenschaftliche Erklärungen für die Beobachtung fallen schwer. mehr »

Immuntherapie gewinnt an Stellenwert in der MS-Therapie

Die Therapieoptionen bei Multipler Sklerose (MS) haben sich erweitert. Neue Substanzen werden daher auch in die aktualisierten Leitlinien Einzug halten. mehr »

Polarisierung – Chance für das Parlament

Gesundheitspolitik in Zeiten der großen Koalition – das stand für die fehlende Konkurrenz der Ideen. Der Souverän hat die Polarisierung gewollt. Das ist eine Chance für die Demokratie. mehr »