Ärzte Zeitung, 23.05.2013
 

Kommentar zur Studie von fetten und schlanken Männern

Wenig Hilfe bei Adipositas

Von Wolfgang Geissel

Noch vor einigen Jahren wurde Adipositas auch unter Ärzten eher als Charakterschwäche angesehen. Das hat sich zwar mit dem massiven Auftreten von extremem Übergewicht und der damit verbundenen Diabetes-Epidemie geändert. Für Betroffene gibt es aber trotzdem nur wenig Hilfe.

So können dicke Kinder nur in Ausnahmen monatelang in Kurkliniken behandelt werden. Die intensiven Maßnahmen haben zudem selten einen nachhaltigen Effekt. Abspeck-Kurse für Erwachsene fördern zwar durchaus die Gesundheit.

Normalgewichtige werden damit aus extrem Dicken aber fast nie, wie Daten des M.O.B.I.L.I.S-Programms belegen. Nach einem Jahr mit 35 Bewegungseinheiten, 21 Sitzungen zu Verhalten und Ernährung und drei ärztlichen Untersuchungen nahmen damit adipöse Diabetiker im Mittel von 105 auf 100 kg ab und jeder Dritte verfehlte das Ziel einer mindestens fünfprozentigen Gewichtsreduktion.

Auch ist bisher nicht bekannt, ob das abgespeckte Gewicht auch gehalten wurde. Als einzige realistische Option für dauerhaften Gewichtsverlust bleibt daher für viele die Adipositas-Chirurgie.

Prävention ist deshalb zur Eindämmung des Adipositas-Problems das wichtigste Element. Und diese muss früh einsetzen: im Kindergarten und in der Grundschule.

Lesen Sie dazu auch:
Adipöse mit schlanken Männern verglichen: Mit 20 fett, mit 50 chronisch krank

[23.05.2013, 15:59:42]
Dr. Birgit Schilling-Maßmann 
ZÄHLEN WIRKLICH NUR KILOS? Paradigmenwechsel erforderlich
Adipositas ist eine chronische, progressive und letztlich vielfach unheilbare Krankheit. So definiert dies u.a. Prof. Arya Sharma,einer der weltweit renommiertesten Adipositas-Forscher und -Therapeuten aus Kanada. Wer an Adipositas leidet, benötigt in der Regel eine lebenslange Behandlung. Solange man weiterhin nur auf die Pfunde schaut, so Sharma,werden Patienten und Kostenträger am Ende immer enttäuscht werden. Ziel ist vielmehr die dauerhafte Verbesserung der Lebensqualität und des Allgemeinzustands der Patienten. Folglich
wertet er einen Gewichtsstillstand und das Aufhalten der Progression als echten Behandlungserfolg. Es darf nicht länger der reine Gewichtsverlust,sondern die Lebensqualität der Betroffenen im Mittelpunkt stehen.
Programme wie M.O.B.I.L.I.S. oder DOC WEIGHT leisten hier einen entscheidenden Beitrag. Denn lange nicht für jeden Adipösen kommt eine OP in Frage.
Nähere Informationen zur praktischen Adipositastherapie in Deutschland unter www.deutsches-netzwerk-adipositas.de

Dr. B. Schilling-Maßmann
Vizepräsidentin des Bundesverband Deutscher Ernährungsmediziner e.V.
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