Ärzte Zeitung online, 12.07.2017

Kommentar

Paradox bleibt paradox

Ein Kommentar von Robert Bublak

Seit vor fast 20 Jahren gezeigt wurde, dass übergewichtige Dialysepatienten eine geringere Mortalität und Morbidität aufweisen als schlanke, geistert der Begriff vom Adipositas-Paradoxon durch die medizinische Literatur.

Gemeint ist damit, dass sich ein als Erkrankungsrisiko angesehener Faktor wie Übergewicht bei bestimmten Gebrechen prognostisch günstig auswirkt.

Das mag bei so zehrenden Krankheiten wie einer Niereninsuffizienz noch einleuchten. In einer britischen Studie jedoch war Übergewicht, selbst jenseits der BMI-30-Marke, sogar nach Koronareingriffen mit geringeren Mortalitätsraten assoziiert. Das blieb auch so, nachdem die Forscher eine Vielzahl möglicher Einflussgrößen berücksichtigt hatten.

Das beweist aber nicht, dass überzählige Kilos Übergewichtigen einen gewissen Schutz davor bieten, nach einer Koronarintervention zu sterben. Die Vermutung, wonach viele normalgewichtige Patienten deshalb eine erhöhte Sterberate hatten, weil sie kränker waren, ist nicht völlig widerlegt.

Immerhin: Trotz Normalgewichts hatten sie Probleme mit den Kranzgefäßen. Und bei allem Abgleich von Störfaktoren: In den analysierten Registern waren Begleitkrankheiten nicht verzeichnet. So bleibt es bei der bloßen Assoziation – und das Adipositas-Paradoxon damit so paradox wie eh und je.

Lesen Sie dazu auch:
Adipositas-Paradoxon: Koronarinterventionen vertragen Dicke besser als Dünne

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[13.07.2017, 12:08:01]
Thomas Georg Schätzler 
Paradoxes Adipositas-Paradoxon ist eine Fehlannahme!
Die Studie "Body-mass index and all-cause mortality: individual-participant-data meta-analysis of 239 prospective studies in four continents" der "The Global BMI Mortality Collaboration"
http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(16)30175-1/fulltext
untersuchte Normgewicht, Übergewicht und dynamische krankheitsbedingte Gewichtsveränderungen differenzierter als lediglich mit dem BMI. Im Ergebnis eindeutig: Ein hoher BMI erhöht die Gesamtmortalität.

Dies bestätigt auch “Overweight, obesity, and risk of cardiometabolic multimorbidity: pooled analysis of individual-level data for 120?813 adults from 16 cohort studies from the USA and Europe” von Mika Kivimäki et al.
http://www.thelancet.com/journals/lanpub/article/PIIS2468-2667(17)30074-9/fulltext
Dort heißt es zusammenfassend: “Interpretation - The risk of cardiometabolic multimorbidity increases as BMI increases; from double in overweight people to more than ten times in severely obese people compared with individuals with a healthy BMI”.

Scheinbar gesunde Dicke sind doch kränker als gesunde Schlanke - kranke Untergewichtige und kranke Dicke haben besonders schlechte Karten! Studien, welche dem Übergewicht eine gute Gesundheitsprognose bescheinigen, sind pseudostatistischer Unfug.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Neue Arzneien zum Schutz vor Brüchen

Osteoporose wird oft übersehen. Der Welt-Osteoporose Tag rückt die Erkrankung ins Bewusstsein. Zum Schutz vor Frakturen werden derzeit neue Substanzen erprobt. mehr »

Vergangenheit, die nicht vergeht

Ramstein, Eschede, Loveparade in Duisburg: Großunglücke lassen bei Opfern und oft auch bei Einsatzkräften seelische Wunden zurück. Psychotraumatologen können den Betroffenen in der Regel gut helfen. mehr »

Politik hat die Bedeutung der Arzneimittelforschung erkannt

Gute Versorgungsideen sind in der Politik willkommen, stellte Gesundheitsminister Jens Spahn bei der Springer Medizin Gala zum Galenus-von-Pergamon-Preis klar. mehr »