Ärzte Zeitung online, 04.10.2017
 

Prävention

"Gesundes Übergewicht": Neues Ziel bei Adipositas

Viele Adipositas-Patienten schrecken davor zurück, ihr Gewicht zu normalisieren. Experten empfehlen, als ersten Schritt ein "metabolisch gesundes" Übergewicht anzustreben.

Von Wolfgang Geissel

FRANKFURT/MAIN. Substanziell und dauerhaft Gewicht abnehmen: Das können Patienten mit ausgeprägter Adipositas meist nur mit bariatrischer Chirurgie. Doch auch von einer fünf- bis zehnprozentigen Gewichtsreduktion können Betroffene stark profitieren, wie Professor Norbert Stefan aus Tübingen bei einer Fortbildung von OmniaMed in Frankfurt am Main betont hat.

Ein Beispiel: Ein Patient mit einem Ausgangsgewicht von 120 kg und einer Körpergröße von 1,80 Meter hat einen BMI von 37. Nimmt er mit viel Mühe zwölf kg ab (zehn Prozent) liegt sein BMI immer noch bei gut 33 Prozent. Er hat damit also noch lange nicht die obere Grenze des Normalgewichts von BMI 25 erreicht, bei der man in der Regel von einem umfassenden Schutz vor Adipositas-Folgen wie Fettleber, Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfall ausgeht.

Eine Gewichtsreduktion von etwa zehn Prozent ist aber ein realistisches Ziel, das sich mit gesundem Lebensstil plus Antiadiposita oder Formula-Diäten erreichen lässt. Stefan setzt vor allem darauf, dass damit das Risiko für Folgekrankheiten substanziell sinkt (Lancet Diabetes Endocrinol 2017; online 14. September). Hierfür gelte es die Betroffenen zu motivieren. "Ich sage meinen Patienten immer: Sie wollen doch noch etwas von ihrer Rente haben", betonte der Experte für klinisch-experimentelle Diabetologie.

Wirksamkeits-Belege gibt die Tübinger Lebensstil-Interventionsstudie (TULIP). Darin wurde gezeigt, dass bei einem BMI von etwa 35 eine solche Gewichtsabnahme wahrscheinlich ausreicht, um vom "metabolisch kranken" zum "metabolisch gesunden" Übergewicht zu gelangen, berichtete Stefan bei der Veranstaltung. So gingen bei Patienten mit einem Ausgangs-BMI von 33 durch Gewichts-Abnahme von 9,1 Prozent die Werte von diastolischem Blutdruck in Schnitt um 16 Prozent zurück; zudem sanken der Nüchternblutzucker um neun Prozent, die Triglyzeride um über 20 Prozent, und der Bauchumfang nahm um etwa zehn Prozent ab.

Als Therapieziele bei Adipositas schlägt Stefan daher mehrere Schritte vor: Auf einer ersten Stufe ist ein "metabolisch gesundes" Übergewicht zu erreichen. Dabei ist das Krankheitsrisiko im Vergleich zu einem "metabolisch gesunden" Menschen mit Normalgewicht nur noch um 25 Prozent erhöht. Zum Vergleich: Bei gleichschweren "metabolisch kranken" Adipösen ist es um 150 Prozent erhöht. Ist diese erste Stufe erreicht, kann eine weitere Gewichtsreduktion angestrebt werden.

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