Ärzte Zeitung online, 07.12.2017
 

WHO-Ziel "weniger Zucker"

Suche nach Anreizen für gesunde Lebensmittel

Der hohe Zuckerkonsum in Europa begünstigt Übergewicht und Adipositas. Vor allem der hohe Zuckergehalt in verarbeiteten Lebensmitteln ist der WHO ein Dorn im Auge. Sie fordert entschlossene Maßnahmen, um die Industrie zu gesünderen Produkten zu motivieren.

Von Wolfgang Geissel

WHO-Ziel „weniger Zucker“: Suche nach Anreizen für gesunde Lebensmittel

Gesunde Kost in Schulkantinen ist auch eine von der WHO untersuchte Maßnahme zur Zuckerreduktion.

© Franziska Kraufmann / dpa

Warum ist es so schwierig, die Industrie zur Reduktion des Zuckergehalts in verarbeiteten Lebensmitteln zu bewegen? Wie lassen sich mit positiven oder negativen Anreizen gesunde Lebensmittel begünstigen? Diesen Fragen sind Forscher der WHO und des Zentrums für Lebensmittelpolitik an der City University of London nachgegangen. Die Analyse der Wissenschaftler ist jetzt auf einem gemeinsamen Symposium von WHO und der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO in Budapest vorgestellt worden, berichtet das WHO-Regionalbüro Europa in einer Mitteilung. Die WHO hofft, damit Diskussionen und Maßnahmen in Mitgliedsländern anstoßen zu können.

Der Hintergrund: Übermäßiger Konsum von Zucker gilt als eine Hauptursache für die epidemische Zunahme von Übergewicht und Adipositas bei Erwachsenen und Kindern in Europa. Zu den wichtigsten Quellen von freiem Zucker in der Ernährung gehören zuckrige Getränke sowie Süßigkeiten wie Schokolade und Kuchen.

Unter dem Begriff "freie Zucker" werden dabei alle Mono- und Disaccharide in Lebensmitteln zusammengefasst einschließlich dem natürlichen Zuckergehalt von Honig, Sirup und Fruchtsäften. Zucker in Obst oder Gemüse gehören nicht dazu. Nach den Leitlinien der WHO sollten Erwachsene und auch Kinder höchstens zehn Prozent – idealerweise sogar weniger als fünf Prozent – ihrer täglich aufgenommenen Energie in Form von freiem Zuckern zu sich nehmen. Davon sind wir aber weit entfernt.

Goldstandard zum Süßen

Für Hersteller von Lebensmitteln und auch für den Handel gibt es zudem viele Anreize, weiter auf einen hohen Zuckergehalt zu setzen, so der Bericht. Verbraucher wünschen süße Produkte und nehmen den Zucker als Goldstandard zum Süßen wahr. Zucker ist zudem kostengünstig und im Überfluss vorhanden. Auch als Geschmacksverstärker hat Zucker wichtige funktionelle Eigenschaften in industriell verarbeiteten Lebensmitteln. Andere Süßstoffe werden von Verbrauchern hingegen wesentlich geringer geschätzt.

Die Motivation für Hersteller, den Zuckergehalt in verarbeiteten Lebensmitteln zu senken, ist daher gering. Es gibt aber bereits einige Anreize dafür: So wächst bei Verbrauchern das Bewusstsein für die gesundheitlichen Nachteile von hohem Zuckerkonsum. Zudem werden vielerorts staatliche Konzepte entwickelt, um die Nachfrage nach gesunden Lebensmitteln zu fördern. Zudem gibt es eine Vielfalt an kalorienfreien Süßstoffen.

Auf dieser Grundlage werden in dem Bericht mögliche Maßnahmen der Politik untersucht, mit denen Anreize für Hersteller und Handel für ein gesünderes Ernährungsumfeld geschaffen werden können. Den Menschen soll dabei geholfen werden, gesunde Essgewohnheiten zu entwickeln. Dies steht im Einklang mit den Grundsatzoptionen des Europäischen Aktionsplans Nahrung und Ernährung (2015–2020). Für die aktuelle Analyse nennen die Forscher mehrere Anreize für eine gesunde Ernährung:

Beschränkung der Vermarktung von ungesunden Lebensmitteln an Kinder,

verbraucherfreundliche Kennzeichnung,

Preisgestaltung;

Normen für Schulmahlzeiten und

Strategien zur Reformulierung von Lebensmittelprodukten.

Ermutigende Beispiele für Anreize

"Entschlossene Maßnahmen sind notwendig, um den Zuckergehalt von verarbeiteten Lebensmitteln zu senken", wird Dr. João Breda in der Mitteilung zitiert. Er ist Leiter des Europäischen WHO-Büros für die Prävention und Bekämpfung nicht-übertragbarer Krankheiten sowie Leiter des Programms für Ernährung, Bewegung und Adipositas. Für ihn gibt es bereits ermutigende Beispiele für wirksame Maßnahmen.

Dazu gehören etwa spezifische und zeitgebundene Zielvorgaben für Produkte sowie eine verständliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe auf Verpackungen. Auch werden stark zuckerhaltiger Getränke besteuert oder die Vermarktung stark zuckerhaltiger Produkte an Kinder eingeschränkt.

Das Fazit des Berichts: Die Analyse wird zur weiteren Umsetzung der WHO-Leitlinien über den Konsum freier Zucker beitragen. Sie liefert zudem Argumente für weitere Forschungsanstrengungen und Diskussionen über Wege zur gesundheitsförderlichen Umgestaltung moderner Lebensmittel.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Harter Tobak für die Tabakbranche

Was soll die Politik gegen Nikotinsucht tun? Wie schädlich sind Tabakerhitzer? Diese Fragen beschäftigten die diesjährige Tabakkontroll-Konferenz. mehr »

Das Transplantationsgesetz und seine Folgen

Vor 20 Jahren ging das Transplantationsgesetz an den Start. Was hat sich seitdem verändert? Eine Hoffnung zumindest hat sich nicht erfüllt: die Zunahme postmortaler Organspenden. mehr »

Brexit und NHS - Es gilt das gebrochene Wort

Von den Ankündigungen der "Leave Campaign" ist nichts übrig. 350 Millionen Pfund sollte der Gesundheitsdienst NHS nach dem Brexit mehr bekommen. Geld, das dringend gebraucht wrüde. mehr »