Ärzte Zeitung, 16.07.2018

In 5 Parametern erkannt

Übermüdete Teenager oft auch adipös und hyperton

Sowohl zu kurzer als auch schlechter Schlaf erhöht bei Jugendlichen das kardiometabolische Risiko. In der bisher größten Studie zum Thema wirkten sich entsprechende Defizite negativ auf Taillenumfang, Blutdruck und Lipide aus.

Von Elke Oberhofer

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Wer nachts wach bleibt, anstatt zu schlafen, hat ein erhöhtes kardiometabolisches Risiko.

© vlorzor / stock.adobe.com

OAKLAND. Nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität des Nachtschlafs trägt offenbar entscheidend zur kardiometabolischen Gesundheit bei Teenagern bei. Das ist das Ergebnis einer kalifornischen Querschnittstudie, an der über 1000 Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 16 Jahren teilnahmen (Pediatrics 2018; online 15. Juni).

Die Jugendlichen trugen über mindestens fünf Tage und Nächte ein spezielles Messgerät, den Actigraph, am Handgelenk. Dieser spuckte im Minutentakt Aktivitätsdaten aus, aus denen eine Software errechnete, wie viel Zeit der Träger innerhalb 24 Stunden schlafend verbrachte und wie häufig er in der Nacht aufgewacht war.

Verwertbare Messungen konnten von 829 Teilnehmern gewonnen werden. Demnach lag die mittlere Schlafdauer pro Nacht bei 441 Minuten, also deutlich unter den für diese Altersgruppe empfohlenen acht bis neun Stunden. Insgesamt kamen nur etwas mehr als zwei Prozent auf das altersentsprechende Mindestmaß.

Knapp ein Drittel mit weniger als sieben Stunden Schlaf

31 Prozent schliefen sogar weniger als sieben Stunden, berichtet das Team um Elizabeth M. Cespedes Feliciano von der Kaiser-Permanente-Forschungsgruppe in Oakland.

Und auch die Schlafqualität war offenbar nicht die beste: Die Mehrheit, nämlich 58 Prozent, kam nicht über den Schwellenwert für eine akzeptable Schlafeffizienz von 85 Prozent (diese errechnet sich aus dem Anteil, den man zwischen erstem Einschlafen am Abend und letztem Aufwachen am Morgen wirklich schlafend verbracht hat).

Die Schlafqualität wirkte sich deutlich auf eine Reihe von Gesundheitsparametern aus:

  • Sowohl kurzer (<8h) als auch schlechter Schlaf waren jeder für sich genommen mit einer Zunahme der stammbetonten Adipositas assoziiert, und zwar auch dann, wenn man den Einfluss des Elternhauses und von schädlichen Verhaltensweisen, zum Beispiel viel fernsehen, ungesunde Softdrinks konsumieren und Fastfood zu sich nehmen, berücksichtigte.
  • Schlafdefizite waren unabhängig von BMI-Z-Score und ungesundem Verhalten mit höheren systolischen Blutdruckwerten verbunden.
  • Umgekehrt war jede zusätzliche Stunde Nachtschlaf mit einer deutlichen Abnahme des Adipositasrisikos assoziiert, unabhängig von Elternhaus und sozialem Umfeld, von der Jahreszeit und davon, ob die Pubertät bereits eingesetzt hatte oder nicht.
  • Eine längere Schlafdauer war generell mit günstigeren Werten, unter anderem geringerem Taillenumfang, niedrigerem Blutdruck und höherem HDL-Cholesterin verbunden. Bei Mädchen, die länger schliefen, fanden sich zusätzlich niedrigere Triglyzerid-Werte.
  • Wer besser schlief, hatte schließlich auch niedrigere Blutglukosewerte.
  • Die Ursachen für diese Zusammenhänge liegen nicht ohne Weiteres auf der Hand. Wie Cespedes Feliciano und Kollegen berichten, geht aus früheren Studien (vornehmlich an Erwachsenen) zwar hervor, dass man nach "zu kurzen" Nächten dazu neigt, mehr und eventuell auch ungesünder zu essen. Außerdem nehme die körperliche Aktivität ab und man sitze häufiger vor dem Fernseher. Hier könne man sich aber ebenso gut eine umgekehrte Kausalität vorstellen.

    Erstaunlicherweise bestanden in der aktuellen Studie jedoch "viele Assoziationen unabhängig vom BMI-Z-Score und von Adipositas-typischen Verhaltensweisen". Die Forscher vermuten, dass auch Besonderheiten in der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse oder im autonomen Nervensystem eine Rolle spielen könnten.

    Aussagen gelten wohl auch für Erwachsene

    Fest stehe, dass zwischen schlechtem Schlaf und erhöhtem kardiometabolischem Risiko ein Zusammenhang bestehe. Dies sei perspektivisch auch für die Gesundheit im Erwachsenenalter relevant. Vor allem Adipositas im Jugendalter sei mit einem erhöhten Diabetesrisiko verknüpft.

    Cespedes Feliciano und ihr Team plädieren nun dafür, Jugendliche auf Schlafstörungen hin zu screenen: "Ausreichende Schlafqualität und -quantität gehören ebenso wie gesunde Ernährung und körperliche Aktivität zu den Säulen der Gesundheit", resümieren die Wissenschaftler.

    Präventionsstrategien müssten gerade bei Kindern und Jugendlichen an mehreren Stellen angreifen: begrenzte Bildschirmzeiten (damit ist nicht nur der Fernseher, sondern auch Computer und Smartphone gemeint), Reduktion von Stress und Lärm, weniger Koffein und mehr körperliche Aktivität.

    Ergebnisse der Querschnittstudie

    • Bedeutung: Mit einem Screening auf Schlafstörungen könnte man mögliche Gesundheitsrisiken bei Jugendlichen aufdecken.
    • Einschränkung: Da es sich um eine Querschnittstudie handelt, lassen sich kausale Zusammenhänge nicht beweisen.

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