Ärzte Zeitung online, 22.08.2018

Studie

Erhöhte Sterblichkeit durch Low-carb-Diät?

Kohlenhydratarme Diäten erhöhen die Sterblichkeit, wenn stattdessen viel Fleisch gegessen wird, so eine Studie. Andere Nahrungsmittel als Ersatz könnten dagegen funktionieren.

Von Veronika Schlimpert und Alexander Joppich

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Eine ausgewogene Ernährung mit Getreide und Früchten ist am ehesten gesundheitsförderlich – dazu darf auch Fisch und der richtige Anteil an tierischem Fett kommen.

© udra11 / stock.adobe.com

BOSTON. Es hilft vielleicht kurzfristig zur Gewichtsabnahme, den Kohlenhydrat-Anteil in der Ernährung zu reduzieren. Langfristig scheint eine solche Diät aber keinen Überlebensvorteil zu bringen, berichten US-Forscher um Dr. Sara Seidelmann vom Brigham and Women's Hospital in Boston (Lancet Public Health 2018; online 16. August).

Sie haben Daten aus der epidemiologischen ARIC-Studie (Atherosclerosis Risk in Communities) zur Ernährung von 15.428 Menschen zwischen 45 und 64 Jahren aus vier US-Bundesstaaten ausgewertet. Die Zusammensetzung der täglichen Kost war dabei zu ARIC-Studienbeginn und noch einmal sechs Jahre später abgefragt worden. In den folgenden 23 Jahren wurden dann die Sterberaten und Todesursachen registriert.

Metaanalyse stützt Ergebnisse

Ergebnis: Auch in dieser Studie ging eine hohe Kohlenhydrataufnahme mit einem erhöhten Sterberisiko einher. Eine niedrige Zufuhr wirkte sich aber ebenfalls nachteilig auf die Überlebenschancen aus (siehe nachfolgende Grafik).

Die Studienautoren geben hier ein Beispiel: Nach den Daten würde ein 50-jähriger Mann, der weniger als 30 Prozent seiner täglichen Energiezufuhr über Kohlenhydrate aufnimmt, eine um vier Jahre kürzere Rest-Lebenserwartung haben, und zwar im Vergleich zu einer Kost mit einem Kohlenhydratanteil von 50 bis 55 Prozent (29,1 vs. 33,1 Jahre).

Bei einem Kohlenhydrat-Anteil von über 65 Prozent verliere er dieser Berechnung zufolge im Vergleich wieder 1,1 Lebensjahre.

Um ihre Ergebnisse zu bekräftigen, haben die Wissenschaftler ihre Daten mit denen von sieben weiteren prospektiven Studien in einer Metaanalyse gepoolt und ausgewertet; Daten von 432.179 Probanden gingen in die Analyse ein.

Hier war ein Kohlenhydratanteil von über 70 Prozent in der täglichen Ernährung mit einem um relative 23 Prozent höheren Sterberisiko assoziiert (im Vergleich zu einem Anteil von 50 bis 55 Prozent). Bei einer geringen Kohlenhydratzufuhr (unter 40 Prozent) war das Sterberisiko der Teilnehmer um relative 20 Prozent erhöht.

Zusammensetzung der Kost wichtig

Das Sterberisiko war bei "Low-carb"-Ernährung im Vergleich aber nur dann erhöht, wenn die Kohlenhydrate durch tierische Fette und Proteine ersetzt wurden, vor allem mit viel Fleisch (HR: 1,18).

Bevorzugten die Probanden stattdessen Lebensmittel mit hohem Anteil an pflanzlichen Fetten und Proteinen wie Nüsse, Schokolade oder Vollkornbrot, war ihr Sterberisiko geringer (HR: 0,82).

"Diese Daten liefern weitere Evidenz dafür, dass man von einer kohlenhydratreduzierten, auf tierischen Produkten basierenden Diät abraten sollte", so die Forscher. Alternativ scheine es – wenn der Kohlenhydratanteil gesenkt wird – für ein gesundes Altern womöglich förderlich zu sein, Kohlenhydrate durch pflanzliche Fette und Proteine zu ersetzen.

Zu beachten seien aber auch geographische und sozioökonomische Faktoren: In wohlhabenden Ländern gebe es tendenziell einen geringeren Anteil an Kohlenhydraten (unter 50 Prozent) in der Ernährung, während dieser in weniger reichen Ländern mit durchschnittlich über 60 Prozent höher sei. In Europa und Amerika essen die Menschen demnach mehr tierische Produkte, während Asiaten eher auf Früchte und Reis zurückgreifen.

In einem Kommentar halten die Professoren Andrew Mente und Salim Yusuf aus Hamilton in Kanada die zu beobachtende U-förmige Assoziation zwischen Kohlenhydratzufuhr und Sterblichkeit für plausibel. Wie bei den meisten essenziellen Nährstoffen auch, sei zu wenig nicht gut, weil dann Mangelzustände entstehen, und zu viel sei nicht gut, weil dann eine toxische Schwelle überschritten wird.

Einschränkungen der Studie beachten

Sie sehen als Limitation der Studie, dass das Ernährungsverhalten im Verlauf nicht erfasst worden ist. Das Essverhalten einiger Teilnehmer habe sich binnen 20 Jahren wahrscheinlich verändert. Aus der festgestellten Assoziation von Kohlenhydraten mit der Sterberate sei zudem keine Kausalität abzuleiten: Auch der Lebensstil könnten die beobachteten Effekte verursachen.

Die Autoren selbst sehen die relativ geringe Anzahl an Low-Carb-Teilnehmern in der Studie als Problem an. Auch habe die weltweite Aussagekraft Einschränkungen, da beispielsweise in asiatischen Ländern mehr Fisch konsumiert werde – diesen Einfluss habe die Studie nicht analysiert.

Wie bei großen Beobachtungsstudien üblich, könne man weiterhin nicht ausschließen, dass unbekannte Einflussfaktoren eine Rolle spielten: Eine Metaanalyse des jeweiligen persönlichen Essverhalts sei nötig, um dies abzuklären.

Trotz der Einwände halten Mentes und Yusuf eine moderate Kohlenhydratzufuhr von etwa 50 Prozent des Energiebedarfs für gesundheitsförderlicher als eine sehr niedrige oder eine hohe Zufuhr. Dies sei mit einer ausgewogenen Ernährung etwa mit Früchten, Gemüse, Nüssen, Fischen – alles in Maßen – wohl am ehesten in Einklang zu bringen. (Mitarbeit: eis)

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[23.08.2018, 07:39:46]
Dr. Johannes Scholl 
Fake-Studie mit politischem Hintergrund - was an der vermeintlichen "Low-Carb"-Studie faul ist
Immerhin enthält Ihr Titel ein Fragezeichen... Die gesamte Studie und die unkritische Berichterstattung darüber zeigt, wie in Zeiten von Fake-News die öffentliche Meinung manipuliert werden kann.

Wo liegen die Probleme dieser Studie? Was kann sie wirklich aussagen?

Grundsätzlich ist die Erhebung von Ernährungsdaten mit Fragebögen, bei denen sich der Teilnehmer rückblickend an seine durchschnittliche Ernährung erinnern soll, sehr fehleranfällig. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele.

Die beiden Erhebungen zur Ernährung wurden um 1988 und um 1992 durchgeführt, also zu der Zeit, als die traditionellen Ernährungsempfehlungen zu einer fettarmen, cholesterinarmen Kost auf ihrem Höhepunkt waren und von niemandem kritisiert wurden. Einmal abgesehen davon, dass es fragwürdig ist, eine konstante Ernährung über einen Zeitraum von 25 Jahren anzunehmen, stellt sich auch die Frage, wer um 1990 „völlig gegen den Strom“ Low-Carb-High-Fat gegessen haben sollte.
Das waren nicht etwa Menschen, die zur Verbesserung ihrer Blutzuckerwerte die Kohlenhydratzufuhr bewusst reduzierten, sondern schlichtweg diejenigen, denen die in den USA massiv verbreiteten Ratschläge zur cholesterin- und fettarmen Ernährung „völlig Wurst waren“, im wahrsten Sinne des Wortes.

Das heißt, dass wir gesundheitsbewusste Menschen in Gruppe 5, die die Ernährungsempfehlungen perfekt umsetzen wollten, mit völligen „Gesundheits-Ignoranten“ vergleichen, die ganz einfach aßen, was Ihnen schmeckte. Und ganz sicher war das nicht eine mediterrane Low-Carb-Ernährung sondern eher eine US-amerikanische High-Fat-Ernährung mit Fast Food-Fraß und vielen frittierten Speisen (Trans-Fettsäuren waren damals noch kein Thema!). Natürlich geben die Autoren der Studie zur Qualität der Ernährung in der angeblichen „Low-Carb-Gruppe“ keine Auskünfte, obwohl sie das sicher gekonnt hätten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die Basisdaten in Tab. 1 zeigen Auffälligkeiten und große Verwerfungen

Wenn wir uns die Basisdaten in Tabelle 1 anschauen, dann fällt zunächst einmal auf, wie wenig Energie im Durchschnitt ein Amerikaner um 1990 zuführte: Es waren ca. 1600 kcal/Tag. Da fragt man sich doch, warum damals die Menschen immer dicker wurden, so auch in der ARIC Studie mit einem BMI-Anstieg von durchschnittlich 0,9 kg/m² über den Zeitraum von 6 Jahren. Das passt natürlich überhaupt nicht zu dieser angegebenen Energiemenge und zeigt, wie schwachbrüstig die erhobenen Ernährungsdaten sind. Beim durchschnittlich fetten Amerikaner mit einem BMI von 28 kg/m² müssten wir eher von einer Kalorienzufuhr von weit über 2000 kcal/Tag ausgehen. Bei den Angaben fehlt also etwas. Es ist anzunehmen, dass Teilnehmer von den Dingen, die man für „ungesund“ hielt (damals sicherlich Fleisch, Eier, Alkohol) eher weniger Angaben, als man tatsächlich verzehrte.

Quintile 1 ist nicht Low-Carb

Die Kohlenhydratzufuhr in der Quintile 1, der angeblichen Low-Carb-Gruppe, lag trotz dieses von mir vermuteten Energiedefizits bezogen auf die in der Tabelle angegebene Energiezufuhr immerhin bei 150 g/Tag (37% der Kalorien). Das ist nicht „Low-Carb“.

Ungleichverteilung von Risiken

• In der Gruppe 1 waren 53% Männer und 47% Frauen, in der gesundheitsbewussten Gruppe 5 dagegen nur 36% Männer und 64% Frauen. Klar ist: Frauen halten sich eher an Ernährungsempfehlungen als Männer. Dies ist eine Aussage, die man mit dieser Studie definitiv untermauern kann! 😉
• in Gruppe 1 gab es 33% aktuelle Raucher und 35% Ex-Raucher (insgesamt also 68% aktuelle oder ehemalige Raucher), in Gruppe 5 waren es nur 22% aktuelle und 29% ehemalige Raucher (insgesamt 51% aktuelle oder ehemalige Raucher).
• Sportlich aktive Menschen fanden sich 15% in Gruppe 1, aber 20% in Gruppe 2 (bewertet wurde dies als höchste Quintile 5 bei der körperlichen Aktivität bezogen auf alle Teilnehmer).
• Der mittlere BMI lag in Gruppe 1 bei 28, 0, in Gruppe 5 bei 27,4 kg/m².
• Und schließlich gab es in Gruppe 1 13% Diabetiker, in Gruppe 5 nur 10% Diabetiker.
Alle Unterschiede bei Rauchen, Sport und Diabetes waren statistisch hochsignifikant.

Die angebliche „Low-Carb“ Gruppe 1 hatte also ziemlich ungesunde Verhaltensweisen und Gesundheitsparameter. Dies müsste bei einer statistischen Korrektur im Rahmen der „multivariaten Analyse“ dann dazu führen, dass deren Gesamtmortalität nach unten korrigiert wird.

Kann man den Adjustierungen im Hintergrund vertrauen?

Die Rohdaten zur Mortalität in den 5 Kohlenhydrat-Quintile werden nicht veröffentlicht. Lediglich im Appendix findet sich in einer anderen Einteilung (Kohlenhydratverzehr in 10%-Bereichen) die tatsächliche, unadjustierte Mortalität.

Diese liegt in der sehr kleinen Gruppe mit weniger als 30%en Kohlenhydraten (n= 315) tatsächlich bei 52%, wohingegen die anderen 4 Gruppen um die 40% liegen. Verglichen mit einem Kohlenhydratanteil von 50-55% bleibt dann nach angeblich multivariate Adjustierung immer noch eine Risikosteigerung um 37% für diese Gruppe übrig.

Wie für die einzelnen, ungleich verteilten Risikofaktoren „adjustiert“ wird, legen unsere Zahlenjongleure natürlich nicht offen. Damit wird das gesamte Analyseverfahren völlig intransparent und anfällig für jegliche Art von Manipulation.

Was sagt die ARIC-Studie wirklich zur Ernährung aus? Mein Fazit:

1. Mit diesem methodischen Ansatz der Auswertung von zweimal ausgefüllten, fragwürdigen Ernährungsfragebögen darf man keine Schlussfolgerungen für Ernährungsempfehlungen an die Bevölkerung ziehen. Die Methode ist anfällig für systematische Fehler und offen für jedwede Manipulation bei den Adjustierung im Hintergrund.
2. Menschen (überwiegend Männer), denen die offiziellen Ernährungsempfehlungen „scheißegal“ sind, verhalten sich auch in anderer Hinsicht eher ungesund. Sie rauchen mehr, machen weniger Sport, haben mehr Diabetes und sind dicker. Dass Ihre Mortalität erhöht ist, braucht nicht zu wundern.
3. Die angebliche Low-Carb Gruppe 1 hat keineswegs „gesundheitsbewusst“ Low-Carb gegessen, wie wir dies heute empfehlen.
4. Insofern ist diese komplette Auswertung der ARIC-Studie eine Farce, die einzig und allein einen politischen Hintergrund hat.

Das Resultat widerspricht der experimentellen Evidenz

Wenn Interventionsstudien, bei denen die Teilnehmer unter kontrollierten Bedingungen von der Diätküche bekocht werden, eindeutig zu positiven Veränderungen der Herz-Kreislauf-Risikofaktoren (insbesondere ApoB, non-HDL-Cholesterin, Triglyceride, HDL-Cholesterin, hS-CRP) unter einer mediterranen Low-Carb-Ernährung im Vergleich zur traditionellen fettarmen Kost kommen, wenn Metaanalysen zum Thema Typ 2-Diabetes und Ernährung mediterran-Low-Carb zur Verbesserung des HbA1c favorisieren, wenn vergleichende Studien zur Gewichtsreduktion die klare Überlegenheit von Low-Carb zeigen, wenn in der PREDIMED Studie der Verzicht auf Kohlenhydrate im Austausch gegen mehr Olivenöl die Mortalität senkte, dann widerspricht die gesamte Evidenz der Botschaft, die mit der ARIC-Studie nun in die Welt hinausposaunt wird.

Dies hat ganz eindeutig politische Hintergründe. Die alte Harvard-Garde, dominiert von Vegetariern, möchte ihre Botschaft einer „pflanzenbasierten Kost“ durch solche (mutmaßlich manipulierten) epidemiologischen Analysen untermauern.
Wir sollten uns dagegen an die seriösen Experten Ludwig und Mozaffarian und die Evidenz aus kontrollierten Interventionsstudien halten. Und wir sehen natürlich auch den Erfolg unserer Ernährungsempfehlungen in der täglichen Praxis, beispielsweise bei der Rückbildung des Typ 2-Diabetes durch eine mediterrane Low-Carb Ernährung bei zahlreichen Patienten in meinen Prevention First-Praxen.

Dr. med. Johannes Scholl
Internist, Ernährungs- und Sportmediziner
1. Vorsitzender der Deutschen Akademie für Präventivmedizin e.V.
Dr. Scholl Prevention First GmbH
Europastraße 10
D-65385 Rüdesheim am Rhein
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