Ärzte Zeitung online, 03.07.2009

Allergiker-Schrecken Ambrosia breitet sich aus

BERLIN (dpa). Die Allergien auslösende Pflanze Ambrosia breitet sich in Deutschland immer weiter aus. Besonders betroffen sind nach Einschätzung des Berliner Julius-Kühn-Instituts bisher süddeutsche Städte und die Niederlausitz (Brandenburg). Für eine wirksame Bekämpfung des Allergiker-Schreckens sei es in Deutschland aber noch nicht zu spät, sagte Biologe Uwe Starfinger.

Experten fordern deshalb, Ambrosiasamen aus Vogelfutter auszusortieren. Denn Futtermittel, besonders Sonnenblumensamen aus Osteuropa, gelten als Hauptverursacher für die Ausbreitung von Ambrosia.

Das beifußblättrige Traubenkraut Ambrosia (englisch Ragweed) sieht wie unscheinbares Unkraut aus. Seine Blüten tragen jedoch Pollen in sich, die Mediziner und Allergiker gleichermaßen fürchten. Ambrosia besitzt das stärkste aller Pollen-Allergene. Bereits zehn Körner pro Kubikmeter Luft können ausreichen, um Kopfschmerzen, Heuschnupfen und Asthma auszulösen. "Dagegen sind Erle, Birke oder Gräser Waisenknaben", sagt Thomas Dümmel vom Meteorologie-Institut der Freien Universität Berlin (FU). Das Unkraut blüht darüber hinaus bis in den Oktober hinein und verlängert die "Saison" für Allergiker.

Ambrosia-Pflanzen gibt es in Deutschland, seit die Samen als "blinde Passagiere" im 19. Jahrhundert an Bord von Frachtschiffen aus Amerika nach Europa kamen. Doch erst der Klimawandel mit wärmeren Sommern und Wintern macht Europa für Ambrosia attraktiv. Ausbreiter ist allerdings der Mensch, vor allem durch Vogelfutter mit Ambrosiasamen, ergänzte Ökologe und Ambrosia-Experte Stefan Nawrath.

Im französischen Rhonetal reagieren nach Dümmels Angaben bereits 12 Prozent der Bevölkerung allergisch auf Ambrosia. In Norditalien beobachteten Ärzte einen deutlichen Anstieg der Asthma-Anfälle. Auf Äckern kann Ambrosia zu Ertragseinbußen führen, es verdrängt auch die einheimische Flora.

"Ambrosia ist ein relativ neues Problem und seine Ausbreitung beschleunigt sich offensichtlich", sagte Biologe Starfinger. Anders als die Rhone-Region könne Deutschland aber noch rechtzeitig etwas dagegen tun. Dazu gehörten Informationskampagnen, wie sie in dieser Woche in Berlin beginnen. Die Hauptstädter sollen Ambrosia fotografieren und Standorte samt Digitalfoto an die Freie Universität mailen. "Ambrosia-Scouts" mit Mundschutz und Handschuhen entfernen das Unkraut dann. Die Scouts werden unter anderem von Job-Centern losgeschickt.

Doch auch in anderen Bundesländern kann jeder etwas gegen Ambrosia tun: Ökologe Nawrath rät dazu, keine Grünabfälle aus Gärten in der freien Landschaft zu entsorgen und Vogelfutter nicht als Saatgut zu nutzen. Kommunen und Bauunternehmen sollten Erdzwischenlager auf Ambrosia kontrollieren. Äcker mit vielen Ambrosia-Pflanzen sollten nur gemäht, nicht gepflügt werden. Auch Vogelfutter-Käufer können sich selbst helfen: Ambrosia-Samen, kleiner als Streichholzköpfe, lassen sich aussieben.

Internet: www.fu-berlin.de/ambrosia

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Rätselhafter Demenz-Rückgang

Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Wisssenschaftliche Erklärungen für die Beobachtung fallen schwer. mehr »

Viele Gesundheitspolitiker verteidigen ihr Mandat

Die Großwetterlage hat sich verändert. Doch viele Fachpolitiker schaffen den Wiedereinzug ins Parlament. mehr »

Das Trauma nach der Loveparade

Das tödliche Gedränge bei der Loveparade im Sommer 2010 in Duisburg: Im ARD-Film "Das Leben danach" geht es um die Auswirkungen auf die traumatisierten Überlebenden. mehr »