Ärzte Zeitung, 08.10.2010

Jungen haben's tatsächlich schwer!

Jungen - das benachteiligte Geschlecht? Zumindest unter medizinischen Gesichtspunkten scheint diese Aussage zu stimmen. Knochenbrüche, Verbrennungen oder verbreitete Störungen wie ADHS kommen bei ihnen häufiger vor als bei Mädchen. Im Widerspruch dazu gehen sie seltener zum Arzt.

Jungen haben's tatsächlich schwer!

Jungen verführt die Abenteuerlust zu riskanten Sportarten wie Snowboarden. Treibende Kraft ist möglicherweise das Testosteron.

© Barskaya / fotolia.com

POTSDAM (MUC/eb). Jungen kommen oft schlecht weg - zum Beispiel deshalb, weil sie bekanntlich weit häufiger als Mädchen eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung haben. Außerdem geht aus Daten von 2006 hervor, dass bei Jungen im Vergleich zu ihren weiblichen Altersgenossen ein drei bis vier Mal so hohes Erkrankungsrisiko für Autismus, Enuresis, Stottern oder Lese-Rechtschreib-Schwäche besteht, sagte Dr. Nikolaus Weissenrieder bei der 106. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Potsdam.

Dasselbe gilt für den Großteil der psychomotorischen Störungen, und auch einzelne genetische Erkrankungen wie etwa das Down-Syndrom treten bei Jungen deutlich häufiger auf. Und damit ist die Liste noch nicht zu Ende: Asthma und Heuschnupfen, aber auch Krebserkrankungen sind bei Jungen weiter verbreitet.

Schlechtere Karten haben Jungen auch bei Knochenbrüchen und anderen Verletzungen. Ein Grund hierfür könnte die mit dem Testosteronspiegel zunehmende Risikobereitschaft der heranwachsenden Männer sein.

Jung und männlich gleich Abenteuer und Mutproben

Bis zum 20. Lebensjahr steige das "sensation seeking" bei Jungen stark, erläuterte der Kinder- und Jugendarzt aus München. Gefährliche Sportarten wie Snowboarden in der Halfpipe, Kite-Surfen oder Rafting stünden auf dem Programm. Die Wahrscheinlichkeit, auf dem Rad zu verunglücken zum Beispiel sei bei Jungen pro Kilometer 4,5 Mal so hoch wie bei den Mädchen.

Dass Jungen gefährlicher leben, lässt sich auch Daten des Bundesamtes für Statistik von 2007 entnehmen: Demnach kommen bei Jungen über alle Altersgruppen hinweg bis zu vier Mal häufiger Stürze mit tödlichem Ausgang vor als bei Mädchen.

Homosexuelle Jungen begehen gehäuft Suizid

Das gleiche gilt für den Tod durch Ertrinken. Verbrennungen, Vergiftungen und Transportmittelunfälle führen bei Jungen drei bis vier Mal häufiger zum Tod. Und sie begehen auch vier Mal häufiger Suizid - besonders homosexuelle Jungen sind dafür gefährdet.

Im krassen Gegensatz zu diesen Zahlen, berichtete Weissenrieder, stehe die Zahl der Arztbesuche. Vor allem nach der Pubertät gehen Jungen seltener zum Arzt als die heranwachsenden Mädchen. Das habe zur Folge, dass sie als das gesündere Geschlecht erschienen. Kinderärzte sollten sich aber vom äußeren Anschein nicht täuschen lassen, sondern eine sensibilisierte Haltung für Krankheiten und Störungen speziell bei Jungen entwickeln, forderte Weissenrieder. Grundlage müssten entsprechende Fortbildungen sein.

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