Ärzte Zeitung, 15.12.2014

Allergie-Alarm

Warum wir einen nationalen Aktionsplan brauchen

In Deutschland leiden immer mehr Menschen an Allergien. Die Versorgung dieser Patienten wird zugleich immer schlechter. Nur eine konzertierte Aktion kann diese Entwicklung aufhalten.

Von Beate Schumacher

Warum wir einen nationalen Aktionsplan brauchen

Prick-Test auf dem Unterarm. Allergiediagnostik wird offenbar zu selten als Leistung abgerechnet.

© Frank May/picture-alliance - dpa

MARBURG. Schon jetzt erhält jeder dritte Bundesbürger im Lauf seines Leben mindestens eine Allergiediagnose. Experten gehen davon aus, dass bald noch mehr Menschen betroffen sein werden.

"Der Trend zur Zunahme allergischer Erkrankungen ist ungebrochen", warnte Professor Harald Renz vom Klinikum Marburg im Gespräch mit "Springer Medizin".

Eine Ausweitung ist laut dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) nicht nur hinsichtlich der Zahl, sondern auch des Schweregrades der Erkrankungen zu erwarten.

Besonders fatal ist der Zuwachs bei Asthma und Anaphylaxie. Sie verursachen derzeit bereits mehrere 1000 Todesfälle im Jahr.

Allergologische Leistungen sind zurückgegangen

Nun sind Patienten mit allergischen Erkrankungen eigentlich gut zu behandeln. Sowohl in der Allergiediagnostik als auch in der Pharmakotherapie und der spezifischen Immuntherapie sind zudem in den letzten Jahren wissenschaftliche Fortschritte erzielt worden.

Nur: In der Praxis kommt davon immer weniger an. Die Zahl der Arztpraxen, die allergologische Leistungen abrechnen, ist KBV-Daten zufolge zwischen 2007 und 2009 um zirka ein Drittel zurückgegangen; für Patienten mit allergischer Rhinitis und Asthma wurden jeweils 13 Prozent weniger ärztliche Leistungen erbracht, und das, obwohl die Zahl der Asthmakranken in dieser Zeit um neun Prozent zugenommen hat.

"Die Schere zwischen Allergieprävalenz und Versorgung geht immer weiter auseinander", kritisierte Renz.

Warum Allergien so explosionsartig zugenommen haben, ist nicht eindeutig geklärt; es wird aber ein Zusammenhang mit dem westlichen Lebensstil, etwa übermäßiger Hygiene oder Fläschchennahrung für Säuglinge, vermutet.

Für die Versorgungsdefizite machen Experten viele Faktoren verantwortlich: angefangen mit dem Medizinstudium, in dem die Allergologie allenfalls als Wahlfach angeboten wird, über die geringe Zahl der Weiterbildungsangebote bis hin zur Vergütung, die aufgrund der Regelleistungsvolumina bei bestimmten Leistungen nicht mehr kostendeckend ist.

Unter diesen Voraussetzungen wird es immer schwieriger, Ärzte für die Allergologie zu motivieren.

AU-Tage und verminderte Leistungsfähigkeit

Die Folgen der Unterversorgung sind bereits zu erkennen. Nur sieben Prozent der Patienten mit allergischer Rhinitis erhalten eine kausale Therapie in Form einer Hyposensibilisierung.

"Wer in Deutschland an einem zu Beginn gut zu behandelnden ,Heuschnupfen‘ erkrankt, hat damit ein viel zu hohes Risiko, Asthmatiker zu werden", beklagt das Aktionsforum Allergologie, ein Zusammenschluss aus den drei allergologischen und weiteren Berufsverbänden sowie dem Deutschen Allergie- und Asthmabund.

Die Nichtbehandlung kommt auch das Gemeinwesen teuer zu stehen. Nach einer Studie der Berliner Charité verursacht ein unbehandelter Allergiker pro Jahr durch AU-Tage und verminderte Leistungsfähigkeit 20-mal mehr Kosten, als für eine adäquate Therapie anfallen würden.

Wenn Allergiekranke keine fachgerechte Behandlung bekommen, muss man sich auch nicht wundern, wenn nicht-evidenzbasierte Methoden immer beliebter werden und statt der spezifischen Immuntherapie Pendel oder Eigenblut zum Zuge kommen.

Eklatante Fehl- und Unterversorgung

Gegen diese "eklatante Fehl- und Unterversorgung" hat nun das Aktionsforum Allergologie die Initiative ergriffen. Unter Federführung der DGAKI haben die Experten einen Aufruf zu einem nationalen Aktionsplan Allergie verfasst.

Der Aufruf, der in Kürze im Bundesgesundheitsministerium vorgestellt werden soll, beinhaltet einen umfassenden Maßnahmenkatalog, wie der Umgang mit Allergien auf ärztlicher und gesamtgesellschaftlicher Ebene verbessert werden kann.

Ziele sind die Vermeidung von Neuerkrankungen, die Stärkung der Früherkennung, die evidenzbasierte Versorgung von Allergikern und das Verhindern schwerer Verläufe bei gleichzeitiger Reduktion der Gesundheitskosten.

Für jedes dieser Ziele sind im Aktionsplan konkrete Vorgaben definiert. Der DGAKI-Vorsitzende Renz ist optimistisch, dass sie erreicht werden. Schließlich haben sich ähnliche konzertierte Aktionen in anderen Ländern bereits bewährt.

In Finnland etwa hat man mit einem nationalen Programm gegen Asthma innerhalb weniger Jahre Notfälle, Medikamentenverbrauch, Mortalität und Kosten drastisch senken können.

Bleibt zu hoffen, dass Deutschland dem guten Beispiel möglichst bald folgt: Nur mit einer gemeinsamen Anstrengung zur Verbesserung von Prävention, Früherkennung und Therapie wird es gelingen, die Volkskrankheit Allergie einzudämmen.

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