Ärzte Zeitung, 27.12.2016
 

Anaphylaxie

Das Notfall-Set wird zu zögerlich genutzt

Ein Kind mit einer anaphylaktischen Reaktion wird meist rasch zur Notfallversorgung gebracht. Doch viel zu selten wird vor Transport das Notfall-Set genutzt, so eine Studie aus Kanada.

Von Christine Starostzik

Das Notfall-Set wird zu zögerlich genutzt

Der Adrenalin-Autoinjektor ist Teil des Notfallsets für Patienten mit schweren Allergien. Experten fordern mehr Schulungen für Betroffene.

© Rob Byron / fotolia.com

ST. JOHN‘S. Viele Eltern von Kindern mit schweren Allergien sind offenbar nicht optimal zum Autoinjektor aus dem Notfall-Set geschult. In einer kanadischen Studie bekam jedes sechste betroffene Kind nach einem Ereignis binnen Jahresfrist einen zweiten anaphylaktischen Schock. Die Soforthilfe wurde dabei oft nicht angewandt.

Um Anaphylaxien zu vermeiden, muss man die Auslöser und Symptome kennen und im Ernstfall zur Adrenalinspritze greifen. Dass solche Vorsorgestrategien immer noch zu selten greifen, hat jetzt eine kanadische Untersuchung gezeigt.

In der prospektiven Kohortenstudie haben Dr. Andrew O'Keefe von der Memorial University in St. John's und Kollegen analysiert, wie häufig Kinder zum wiederholten Mal eine Anaphylaxie erleiden und welche Faktoren zu dieser Situation beitragen (JPEDS 2016; online 13. Oktober).

87 Prozent allergisch auf ein Nahrungsmittel

Für die Studie wurden 292 Kinder nach einem erstmaligen Vorfall ausgewählt. Die Forscher fragten die Eltern nach weiteren allergischen Reaktionen der Kinder. Dabei konnten von 200 Kindern die Daten über mindestens ein Folgejahr vollständig erfasst werden.

87 Prozent der Kinder hatten beim Erstereignis allergisch auf ein Nahrungsmittel reagiert. Als leicht wurden Anaphylaxien bezeichnet, wenn lediglich Hautsymptome, oraler Juckreiz, gastrointestinale Symptome oder Beschwerden des Respirationstrakts vorkamen.

Eine moderate Anaphylaxie bestand laut Definition, wenn zu einem Symptom der leichten Form krampfartiges Bauchweh, Diarrhö, mehrmaliges Erbrechen, Atemnot, Stridor, Husten, Wheezing oder Schwindel hinzukamen. Als schwer wurde die Anaphylaxie eingestuft, wenn Zyanose, Hypoxie, Atemstillstand, Hypotonie, Herzrhythmusstörungen, Verwirrung oder Bewusstlosigkeit auftraten.

Im Beobachtungszeitraum war es bei 47 Studienteilnehmern zu 65 weiteren anaphylaktischen Reaktionen gekommen. O'Keefe und Kollegen errechneten daraus eine jährliche Wiederauftrittsrate von 17,6 Prozent. Bei 35 Patienten kam es nur zu einer weiteren Reaktion, bei sieben zu zwei Episoden, vier Kinder erlitten drei und eines vier anaphylaktische Reaktionen.

69 Prozent der erneuten Ereignisse wurden als moderat eingestuft. Wie schon in früheren Studien waren auch hier Nahrungsmittel (84,6 Prozent) häufigster Auslöser. Verantwortlich für wiederholte allergische Reaktionen waren unter anderem Schalenfrüchte (15,4 Prozent), Milch (15,4 Prozent), Erdnüsse (6,2 Prozent), Fisch (4,6 Prozent), Weizen (4,6 Prozent) sowie Nüsse (3,1 Prozent).

66,2 Prozent aller Ereignisse wurden mit Adrenalin behandelt. Doch nur etwa jedes zweite Kind erhielt bereits außerhalb der medizinischen Einrichtung eine Injektion aus dem Notfall-Set. Bei jedem dritten der nicht sofort behandelten Patienten war dies aber offenbar notwendig, und die Adrenalininjektion wurde vom Arzt nachgeholt.

Die Wahrscheinlichkeit für eine erneute anaphylaktische Episode war besonders hoch bei Asthmatikern (Hazard Ratio, HR 1,94), wenn bei der Versorgung der ersten Anaphylaxie Adrenalin verabreicht wurde (HR 2,22) und wenn der Trigger ein Nahrungsmittel war (HR 11,44).

Auf Erdnüsse wird gezielter verzichtet

Hatten Erdnüsse die Reaktion ausgelöst, sank die Wahrscheinlichkeit für eine erneute Anaphylaxie (HR 0,27). Auf Erdnüsse werde möglicherweise gezielter verzichtet, meinen O'Keefe und Kollegen. Schalenfrüchte (Nüsse und Kerne) sowie Milchproteine dagegen kämen in großer Vielfalt auch ohne klare Kennzeichnung in verschiedensten Lebensmitteln vor.

Insgesamt beklagen O'Keefe und Kollegen zu hohe Raten erneut auftretender anaphylaktischer Episoden und die zu seltene Anwendung von Andrenalin-Injektoren aus dem Notfall-Set.

Um diese Situation zu verbessern, fordern sie mehr Schulungen für Allergiker und deren Eltern, in denen effektive Vermeidungsstrategien erlernt werden und die zum unverzüglichen Einsatz von Adrenalin-Autoinjektoren ermutigen.

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