Ärzte Zeitung online, 19.07.2017
 

Antibiotika

Penicillinallergien sind viel seltener als vermutet

Eine einst festgestellte Penicillinallergie sollte diagnostisch abgeklärt werden, raten Experten. Angaben hierzu seien nämlich oft falsch oder überholt.

Von Peter Leiner

Penicillinallergien sind viel seltener als vermutet

Jede Menge Tabletten: Eine Resistenz gegen Antibiotika mit Penicillin ist wohl seltener als viele vermuten.

© sprng23 / Getty Images / iStock

NASHVILLE. In den USA, Australien und auch in Deutschland gelten zehn Prozent aller Patienten als Penicillinallergiker. Die meist in jungen Jahren erhobenen Befunde werden aber häufig nicht hinterfragt, obwohl sie schon viele Jahre zurückliegen, kritisieren Ärzte um Dr. Elizabeth Jane Phillips vom Vanderbilt University Medical Center in Nashville (JAMA 2017; 318: 82). Die Ärzte schätzen, dass der Anteil der Penicillinallergiker nur bei ein Prozent der Bevölkerung liegt.

Nach Angaben von Phillips und Kollegen verschwinden IgE-vermittelte Reaktionen in der Regel nach etwa zehn Jahren. Ist der Hauttest aber negativ geworden, dann sei das Risiko für eine Resensibilisierung bei Exposition gegenüber Penicillin oder einem anderen Beta-Laktamantibiotikum nur sehr gering.

Hautausschläge statt Resistenz

Hinzu komme, dass viele Angaben zu Penicillin-Allergien falsch seien, etwa weil viral bedingte Hautausschläge in der Kindheit als Penicillinallergie fehlgedeutet worden waren.

Hat ein Patient auf ein eine Penicillinbehandlung mit einer akuten IgE-vermittelten allergischen Reaktion mit Anaphylaxie reagiert, ist eine erneute Exposition gegenüber Beta-Laktamen ausgeschlossen betonen Phillips und Kollegen.

Sie geben aber zu bedenken, dass es bei zwei bis zwölf Prozent der Anwendungen in einer Spätreaktion zu T-Zell-vermittelten leichten bis moderaten Exanthemen kommt. In der Regel ließen sich solche Reaktionen folgenlos symptomatisch behandeln.

Solche unkomplizierten Hautauschläge in der Anamnese sollten daher kein Grund dafür sein, eine erneute Therapie mit Beta-Laktamantibiotika zu unterlassen, so die Ärzte, vor allem, wenn es sich um einen andere Vertreter der Substanzklasse als das ursprünglich verwendete Antibiotikum handele.

Auch Allergologische Fachgesellschaften und das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte warnen in der S2k-Leitlinie von 2015: Bei Überempfindlichkeitsreaktionen auf Arzneimittel generell kann "der Verzicht auf eine Diagnostik schwere Reaktionen bei erneuter Exposition zur Folge haben und zu ungerechtfertigte Einschränkung der Therapie führen".

Empfehlung: kontrollierte Provokationstests

Wenn in der ersten Diagnostikstufe Haut- und Labortests negativ oder nicht sicher aussagekräftig sind, empfiehlt die Leitlinie kontrollierte Provokationstests zur Aufklärung der Reaktion.

Mit solchen Tests lassen sich die Patienten erkennen, bei denen Penicillin und andere Beta-Laktamantibiotika sicher sind. Dokumentierte nicht-allergische Reaktionen auf Penicillin wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall sollten als vermeintliche Hinweise auf eine Penicillinallergie aus den Akten getilgt werden.

Patienten seien zudem über die wahren Zusammenhänge zwischen den Antibiotika und den Beschwerden aufzuklären, so die Ärzte.

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