Ärzte Zeitung online, 23.01.2019

Ernährung

Lebensmittelallergie kommt oft mit den Jahren

Viele Menschen glauben, sie haben eine Nahrungsmittelallergie – dabei ist das oft falsch, so Forscher. Und wer eine hat, bekommt sie häufig erst als Erwachsener.

Von Christine Starostzik

Nahrungsmittelallergie kommt oft erst mit den Jahren

Viele Menschen sind davon überzeugt, an mehreren Nahrungsmittelallergien zu leiden. Besonders oft wurden Nüsse, Meeresfrüchte sowie Fisch und Milch genannt.

© airborne77 / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie häufig und ausgeprägt sind schwere Nahrungsmittelallergien bei US-amerikanischen Erwachsenen?

Antwort: 19 Prozent der Befragten glaubten, an einer Nahrungsmittelallergie zu leiden. Bei näherer Betrachtung konnte diese Angabe bei 11 Prozent der Studienteilnehmer als überzeugend eingestuft werden.

Bedeutung: Nahrungsmittelallergien sind bei US-Bürgern häufig und treten oft erstmals im Erwachsenenalter auf.

CHICAGO. Dass es sich bei einer Nahrungsmittelallergie längst nicht nur um ein überwiegend pädiatrisches Problem handelt, hat jetzt eine US-Studie gezeigt.

Mithilfe einer Querschnittsuntersuchung haben sich Dr. Ruchi Gupta von der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago und Kollegen einen Überblick über Prävalenz und Schweregrad von Nahrungsmittelallergien bei erwachsenen US-Bürgern verschafft (JAMA Netw Open 2019; online 4. Januar).

Über Internet und Telefon wurden 40.443 Erwachsene im Alter von durchschnittlich 46 Jahren befragt. Angaben über Nahrungsmittelallergien wurden dann als überzeugend erachtet, wenn über mindestens ein typisches Symptom gegenüber Allergenen berichtet wurde, die mit IgE-vermittelten Reaktionen einhergehen.

Häufigster Auslöser: Meeresfrüchte

Weitere Anhaltspunkte waren eine bestätigende Arztdiagnose (47,5 Prozent). Als schwere Reaktion wurde gewertet, wenn in der Vergangenheit mindestens ein eindeutiges Symptom an zwei oder mehr Organsystemen wie Haut, Mundschleimhaut, Gastrointestinaltrakt, Respirationstrakt oder Herz-Kreislauf-System aufgetreten war.

Berichtete ein Teilnehmer über verschiedene Allergien, wurden diese jeweils einzeln betrachtet. Personen mit oralen Allergiesyndromen oder Nahrungsmittelintoleranzen wurden von der Studie ausgeschlossen.

19 Prozent der Teilnehmer glaubten, sie litten unter einer Nahrungsmittelallergie. Überzeugende Hinweise auf aktuell mindestens eine Hypersensibilität ergaben sich nach weiteren Befragungen aber nur bei 11 Prozent der Teilnehmer.

Fast jeder Zweite von ihnen gab an, dass sich mindestens eine seiner allergischen Reaktionen erst im Erwachsenenalter entwickelt hätte, bei 27 Prozent war sie ausschließlich im Erwachsenenalter aufgetreten.

Am häufigsten berichteten die Teilnehmer über folgende Auslöser: Meeresfrüchte (2,9 Prozent), Milch (1,9 Prozent), Erdnüsse (1,8 Prozent), Baumnüsse wie Mandel, Haselnuss, Walnuss, Cashew, Pistazie, Pekannuss, Macadamia, Paranuss, aber auch Pinienkerne (1,2 Prozent) und Fisch (0,9 Prozent). 45 Prozent erklärten überzeugend, an mehreren Nahrungsmittelallergien zu leiden.

51 Prozent der Allergiker berichteten über mindestens eine schwere allergische Reaktion. Besonders häufig davon betroffen waren Erdnuss- und Baumnussallergiker (68 Prozent beziehungsweise 61 Prozent). 24 Prozent der Befragten hatten von ihrem Arzt eine Notfallmedikation in Form von Adrenalin verschrieben bekommen.

38 Prozent hatten bereits mindestens einmal wegen einer allergischen Reaktion auf ein Nahrungsmittel eine Notfallbehandlung in Anspruch genommen, 8,6 Prozent innerhalb des vergangenen Jahres.

Unnötigen Verzicht vermeiden

Auffällig sei, so Gupta und Kollegen, dass jeder Fünfte angab, an einer Nahrungsmittelallergie zu leiden, nach näherer Betrachtung und Befragung dies aber nur bei schätzungsweise jedem Zehnten mit hinreichender Sicherheit angenommen werden könne.

Um zu vermeiden, dass unnötig auf bestimmte Lebensmittel verzichtet werde, sei es wichtig, dies bei Patienten, die bei sich eine Nahrungsmittelallergie vermuten, frühzeitig ärztlich abzuklären.

In Deutschland wird der aktuellen Leitlinie zum „Management IgE-vermittelter Nahrungsmittelallergien“ aus dem Jahr 2015 zufolge aufgrund von Befragungen von einer geschätzten Prävalenz von etwa 20 Prozent ausgegangen. Durch Provokation bestätigt wurden Nahrungsmittelallergien im Jahr 2004 bei 4,2 Prozent der Kinder und 3,7 Prozent der Erwachsenen.

In seiner Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1, 2008–2012) nennt das Robert Koch-Institut eine Lebenszeitprävalenz von 6,4 Prozent bei Frauen und 2,9 Prozent bei Männern.

Während der Leitlinie zufolge in Deutschland bei Erwachsenen Weizen, Soja, Haselnuss und Sellerie als häufigste Auslöser allergischer Reaktionen nachgewiesen wurden, liegen bei Kindern die Erdnüsse weit abgeschlagen an erster Stelle, gefolgt von Kuhmilch, Hühnerei und Haselnuss. Fisch, Schalentiere und Walnüsse folgen in beiden Altersgruppen erst danach.

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