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Ärzte Zeitung online, 03.08.2011

Vitaminpillen als Lizenz zum Rauchen

KAOHSIUNG (mal). Wenn ich Vitaminpillen schlucke, dann ist Rauchen ja nicht so schlimm, dann kann ich mir auch mal 'ne Kippe genehmigen - solche Gedanken könnten Raucher haben, die den Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln als Lizenz zum Rauchen sehen.

Vitaminpillen als Lizenz zum Rauchen

Die Studienteilnehmer, die im Glauben waren, durch das Schlucken von Vitamin-C-Präparaten ihrer Gesundheit etwas Gutes getan zu haben, rauchten in der Pause mehr.

© Wallenrock / shutterstock.com

Forscher um Wen-Bin Chiou von der Universität in Kaohsiung in Taiwan sind dieser These jetzt in zwei ähnlichen Studien auf den Grund gegangen.

In einer davon haben 74 Studenten teilgenommen, die als Raucher täglich den Zigaretten frönten. Sie erhielten vor der Studie die Information, dass ihre Mitarbeit bei mehreren voneinander unabhängigen unterschiedlichen Aufgaben vonnöten sei.

Studienteilnehmer über wahren Zweck der Studie im Unklaren gelassen

Bei einer Aufgabe gehe es darum, Größe, Form und etwa Farbe von Pillen zu bewerten, die - so wurde den Studienteilnehmern erzählt - in einer geplanten Placebo-kontrollierten Studie zu gesunder Ernährung zur Anwendung kommen sollten.

Die Studienteilnehmer wurden einer von zwei Studiengruppen zugeteilt und bekamen - offiziell - ein Vitamin-C-Präparat oder ein Placebo. Tatsächlich wurden aber in beiden Studiengruppen Placebo-Präparate ausgeteilt.

Nach dem Pillenschlucken war Rauchen erlaubt

Im Anschluss an das Tabletten-Schlucken wurden die Studienteilnehmer gebeten, Fragebögen, die nichts mit der Studie zu den Vitamin-Pillen zu tun hätten, zu bearbeiten. Da das Ausfüllen dieser Fragebögen etwa eine Stunde dauere, sei Rauchen erlaubt.

Ergebnis: Studienteilnehmer, die zuvor der "Verum-Gruppe" zugeordnet worden waren, also im Glauben waren, durch das Schlucken von Vitamin-C-Präparaten ihrer Gesundheit etwas Gutes getan zu haben, genehmigten sich beim Fragebögen-Ausfüllen im Mittel 2,35 Zigaretten, die übrigen Studienteilnehmer mit vermeitlichem Placebo im Mittel nur 1,23 Zigaretten (Addiction, online am 2. August).

Zweite Studie bestätigt die Erkenntnisse

Eine zweite Studie, in die die Forscher aus Taiwan 80 Personen aus einer südtaiwanesischen Stadt aufgenommen hatten - allesamt Raucher - bestätigt die in der ersten Studie gewonnenen Erkenntnisse offenbar.

Zudem stellte das Team um Chiou fest, dass Personen, die von vornherein dem Gebrauch von Nahrungsergänzungsmitteln gegenüber positiv eingestellt waren, beim Bearbeiten der eine Stunde in Anspruch nehmenden Fragebögen deutlich mehr Zigaretten konsumierten als weniger enthusiastisch eingestellte Studienteilnehmer: im Mittel 2,8 statt nur 1,65 Zigaretten.

Die Forscher aus Taiwan erinnern daran, dass es bisher keine wissenschaftichen Belege gibt, dass eine Vitamin-Supplementation vor Krebs schützen kann.

Die vorliegenden Ergebnisse wiesen darauf hin, dass zumindest manche Raucher den Konsum von Nahrungsergänzungsmittel quasi als Lizenz zum Zigarettenrauchen nutzen: eine Kippe zu rauchen sei dann quasi die Belohnung dafür, durch das vorherige Schlucken gesunder Präparate seinem Körper etwas Gutes getan zu haben.

Raucher können sich selbst austricksen

"Raucher, die Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen, können sich selbst täuschen, indem sie annehmen, sie seien gegen Krebs oder andere Erkrankungen geschützt. Werden sie daran erinnert, dass Multivitamin-Präparate nicht vor Krebs schützen, könnte sie dies dabei unterstützen, ihren Zigaretten-Konsum in Schranken zu halen oder sie sogar zum Rauchstopp ermutigen", so Studienleiter Chiou.

[03.08.2011, 11:34:49]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Rauchen als Kontroll v e r l u s t ?
Leider reiht sich auch diese methodisch aufwendig und gut gemachte Untersuchung mit ihren Hypothesen und Schlussfolgerungen in die Reihe der Studien ein, die das Phänomen Rauchen grundsätzlich als Kontrollverlust beschreiben. Der Zustand des Nichtrauchens, in dem sich auch Raucher für kurze Zeit befinden, wird als Ideal bio-psycho-sozialer Beherrschtheit und Kontrolle angesehen.

Wer sich intensiver mit den "positiven" Seiten des Rauchens wissenschaftlich beschäftigen will, wie z. B. vor Jahren der jetzt emeritierte Freiburger Medizinsoziologe Prof. Jürgen von Troschke, gerät entweder in den Ruf, Freund der Tabakindustrie oder eigennützig zu sein. Dabei wäre angesichts der jährlichen Einnahmen von 13,5 Milliarden € in 2010 allein durch die Tabaksteuer ein "Brainstorming" über Motivation, Effekt, Chancen, Folgen und Risiken des Rauchens angezeigt. Diese Steuerart fließt übrigens neben der Mehrwertsteuer beim Tabakverkauf ungebremst in den Bundeshaushalt, ohne dass auch nur teilweise Krankheits-, Invaliditäts- und Sterberisiken refinanziert würden. Dies wird allein der GKV, der PKV und der Deutschen Rentenversicherung (DRV) überlassen.

Aber wie schon im Titel angedeutet, ist m. E. das Phänomen 'Rauchen' das krasse Gegenteil von Kontrollverlust und Schwäche: Es symbolisiert viel mehr
K o n t r o l l e und intensivierte gesellschaftliche Teilhabe als uns lieb sein kann. In der Jugend gehört der adoleszente Raucher eher schon zu den Erwachsenen, wurde in seiner "Peer-Group" als reifer, alltagskompetenter und "cooler" anerkannt. In Ausbildungs- und Berufsjahren gestattet das Rauchen häufiger Pausen und Schreibtischflucht. Rauchen symbolisiert: Sprich-mich nicht-an-Ich-bin-beschäftigt, Ich-beherrsche-das Feuer-wie meine Steinzeit-Vorfahren, Da-siehst-Du-mal-wie heiß-ich-bin, Ich-brenne-kontrolliert-ab, Ich-bin-so-stark-dass-mir-Zigaretten-nichts-anhaben-können, Ich-kann-Raucherhusten-mit-Zigaretten-therapieren, Ich-könnte-jederzeit-damit-aufhören-aber-nicht-jetzt usw. usf.

Im Alter entwickeln manche Raucher Persönlichkeitsstrukturen, die mit dem Rauchen anscheinend die Wartezeit auf den Tod verkürzen sollen. Mit dem Tabakkonsum wird im wahrsten Sinne des Wortes "die Zeit totgeschlagen". Das scheinbar paradoxe Verhalten, mit dem Asthma-, COPD-, KHK-, PAVK- und CVI-Patientinnen und Patienten ihr Kettenrauchen wider alle Vernunft auch nach chirurgischen und kardiologischen Interventionen fortsetzen, wird nur dann verständlich, wenn der (Über-)Lebenswille reduziert ist.

Rauchen als Kontrolle über den eigenen Körpers in seinem ihm immanenten Vergänglichkeitsprozess bedeutet aber auch Kontrolle der gesellschaftlichen Umgebung: Patienten mit raucherbedingtem Bronchialkarzinom erlangen Zuwendung und Mitleid ihres biologischen und sozialen Umfeldes durch Unterstützung, Behandlung, Pflege bzw. Palliativmaßnahmen; Trauer und Verlustempfindung bis über den Tod hinaus. Jenseits von Sucht und Abhängigkeit, was ich hier bewusst weggelassen habe, ist Rauchen doch m e h r als nur unsinnig, schädlich, umwelt- und ressourcenbelastend, teuer und gefährlich.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM (z. Zt. Bergen aan Zee)
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