Ärzte Zeitung online, 29.03.2017
 

Neue Lungenfunktionstests

Künftig Standard in der Praxis?

Um die Lungenfunktion bei schweren Atemwegserkrankungen abzuklären, werden Gasauswaschverfahren die übliche Spirometrie in den nächsten Jahren ergänzen. Vor allem Erkrankungsprozesse in kleinen Atemwegen lassen sich damit aufspüren.

Von Thomas Meissner

Künftig Standard in der Praxis?

Lungenfunktionstest: Umbauprozesse kleiner Atemwege sind bisher nicht zu erkennen.

© Arteria Photography

Normale Lungenfunktionstests bei Rauchern oder bei Patienten mit leichtem Asthma bronchiale täuschen manchmal vor, dass im Großen und Ganzen eigentlich noch alles in Ordnung sei. Funktionsstörungen in den kleinen Atemwegen bleiben lange unbemerkt. Auf der anderen Seite gibt es zum Beispiel Patienten mit schwerem Asthma-, bei denen mit der heutigen Diagnosetechnik ein rasch progredienter Verlauf nicht ausreichend sensitiv erfasst werden kann: Trotz scheinbar optimierter Therapie finden sich eine Sputum-Eosinophilie, ein überdurchschnittlich rascher Lungenfunktionsverlust und häufige Exazerbationen. "Da laufen Dinge ab, die sich unserer Kontrolle entziehen", hat Professor Martin Kohlhäufl aus Stuttgart beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) in Stuttgart erklärt.

Persistierende Entzündungsvorgänge und Gewebeumbauprozesse der Lunge sind Phänomene, die mit konventionellen Methoden nicht ausreichend erfasst werden können. Der Alveolarraum eines Erwachsenen entspricht einer Fläche von etwa 120 m2, die kleinen Atemwege machen 95 Prozent des gesamten Lungenvolumens aus: Diagnostisch sind diese derzeit eine Terra incognita.

Daher sollten Gasauswaschverfahren in die pneumologische Alltagsdiagnostik eingeführt werden, heißt es in einem Konsensusstatement von 2013 der European Respiratory Society (ERS) und der American Thoracic Society (ATS). Mit Gasauswaschverfahren können nämlich Ventilationsinhomogenitäten in der Lungenperipherie und damit pathophysiologische Prozesse früher erfasst werden als mit heutigen Verfahren. Die Methodik ist seit mehr als 60 Jahren bekannt; Gas-Sensoren und Computer ermöglichen heute aber eine im Vergleich differenziertere und vor allem praktikable Diagnostik.

Ventilations-Verteilungsstörungen auf der Spur

Beim Mehrfachen Stickstoffauswaschtest ("Multiple Breath Gas Washout", MBW) wird zum Beispiel gemessen, wie viele Atemzüge es braucht, bis unter hundertprozentiger Sauerstoffinhalation der vorhandene Stickstoff (N2) in der Lunge auf 2,5 Prozent des Ausgangswerts gesunken und damit weitgehend ausgewaschen ist. Aus dem Atemmuster lässt sich der "Lung Clearance Index" (LCI) ermitteln. Differenzieren lassen sich zudem Ventilationsinhomogenitäten im konduktiven Atemwegsabschnitten sowie solche im Alveolarbereich. Als einen Vorteil des MBW nannte Kohlhäufl, dass keine forcierten Atemmanöver notwendig seien, denn die Messungen erfolgen in Ruheatmung. Vorläufige Referenzwerte für Erwachsene existieren bereits. So wird der LCI- Normalwert derzeit mit 8,5 angegeben. Sowohl bei Gesunden wie auch bei COPD-Patienten lassen sich reproduzierbare Ergebnisse mit Gasauswaschverfahren messen.

Allerdings gebe es bei Gesunden mit zunehmendem Alter vermehrt Inhomogenitäten in den kleinen Atemwegen, was die Festlegung von Normwerten erschwere, so Dr. Sylvia Nyilas aus Bern beim DGP-Kongress. Mit verschiedenen Geräten würden zudem signifikant unterschiedliche LCI gemessen. In einer aktuellen Studie lagen die LCI-Werte einzelner Patienten bis zu 1,5 Punkte auseinander. Damit sind Werte von Patienten, die mit verschiedenen Geräten untersucht wurden, nicht vergleichbar. Derzeit sind nur drei Geräte auf dem Markt, darunter ein stationäres und zwei portable. Nicht mit jedem Gerät können Messungen bei Patienten aller Altersgruppen vorgenommen werden und es werden unterschiedliche Tracer-Gase verwendet. Die Messdauer beträgt je nach Erkrankung 20 bis 30 Minuten beim MBW. Sogenannte "Single Breath Washout" (SBW)-Tests erfordern lediglich eine Minute.

Verbreitet in der Mukoviszidose-Diagnostik

Bei Patienten mit Cystischer Fibrose (Mukoviszidose) liegen bereits gute Erfahrungen mit LCI-Messungen ab dem Vorschulalter vor. Der Parameter korreliere gut mit strukturellen Lungengewebsveränderungen und könne als Indikator für die Langzeitprognose dienen, erklärte Professor Monika Gappa aus Wesel. Die Wertigkeit bei Kindern mit Asthma ist noch unklar. Bei Erwachsenen lassen sich nach Angaben von Dr. Kim Husemann aus Kempten raucherinduzierte Erkrankungen der kleinen Atemwege frühzeitig erfassen. Bei Emphysem-Patienten hat sich der LCI als sensitiver erwiesen als die Einsekundenkapazität (FEV1). Husemann verwies zudem auf eine Kasuistik, bei der der LCI eine obliterative Bronchiolitis nach Lungentransplantation 21 Monate vor der FEV1 angezeigt hatte. Auch Bronchiektasen ließen sich eher feststellen als mit der herkömmlichen Spirometrie.

Noch ist es nicht so weit, dass sich aus bestimmten Messwerten aus Gasauswaschverfahren konkrete klinische Konsequenzen etwa bei Asthma oder COPD ableiten ließen. Entsprechende Studien laufen. Mukoviszidose-Zentren, die noch keinen LCI messen, gelten schon heute als nicht mehr als zeitgemäß. Betont wurde beim DGP-Kongress, dass technische Parameter stets in Verbindung mit der klinischen Symptomatik gesehen werden müssen. Husemann: "Noch können wir nicht empfehlen, ein Gerät für die pneumologische Praxis zu kaufen. Das könnte sich aber in den nächsten Jahren ändern."

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