Ärzte Zeitung online, 07.10.2008

Luftverschmutzung schädigt bereits ungeborene Kinder

BERLIN (dpa). Zu viel Feinstaub in der Luft kann nach einer Schweizer Studie bereits Föten im Mutterleib schädigen. Wenn Schwangere zu großer Luftverschmutzung ausgesetzt seien, könne bereits bei ungeborenen Kindern die Entwicklung der Lungen beeinträchtigt werden. Bisher waren die Forscher davon ausgegangen, dass Luftverschmutzung Kinderlungen erst im Schulalter zu schaffen macht.

Die Daten der Schweizer Studie wurden jetzt auf dem europäischen Lungenkongress in Berlin vorgestellt. Für die Studie hat ein Team um Dr. Philipp Latzin von der Universität Bern den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Lungenleiden bei 241 Neugeborenen erforscht.

Die Forscher maßen die Qualität der Luft, die Schwangere einatmen

Dafür haben die Forscher die Qualität der Luft gemessen, die Schwangere einatmen. Sie analysierten die Ozon-, Stickstoffdioxid- und Feinstaubwerte (PM10). Berücksichtigt wurde auch die Nähe des Wohnorts der werdenden Mütter zu Hauptverkehrsstraßen. Zum Schluss wurden nach der Geburt die Atemfunktion der fünf Wochen alten Säuglinge gemessen, während sie schliefen.

Bei starker Feinstaubbelastung während der Schwangerschaft hatten die Neugeborenen eine veränderte Atemfrequenz

Insbesondere bei einer starken Feinstaubbelastung während der Schwangerschaft fanden die Wissenschaftler später Veränderungen in den Atemfrequenzen der Neugeborenen. Im Vergleich zu Müttern, die fern einer Hauptstraße gelebt hatten, atmeten die Babys von Müttern an Verkehrsadern schneller - 48 Mal statt 42 Mal in der Minute. Das sei besonders für Säuglinge ein Problem, die nach der Geburt ohnehin Atemschwierigkeiten hätten, heißt es in der Studie. Bei Babys, deren Mütter besonders im letzten Schwangerschaftsdrittel Luftverschmutzung ausgesetzt waren, fand sich bei den Kindern auch eine größere Neigung zu Atemwegentzündungen.

Vermutet wird, dass Luftverschmutzung die Lungen der Mütter angreift und damit auch den Blutzufluss zur Plazenta reduziert

Völlig erklären können die Wissenschaftler ihre Entdeckung noch nicht. Latzin vermutet, dass Luftverschmutzung die Lungen der Mütter angreift und damit auch den Blutzufluss zur Plazenta reduziert. Dort werden Nährstoffe und Sauerstoff zwischen Mutter und Fötus ausgetauscht. Weniger Blutzufluss könnte bedeuten, dass ungeborene Kinder auch weniger Nährstoffe erhalten. Nach einer anderen Vermutung können sich verschmutzte Partikel auch in das Blut des Kindes mischen und seinen Atemrhythmus verändern, heißt es in der Untersuchung. Möglich sei auch eine Stoffwechselveränderung bei der Mutter, die Wachstumsfaktoren hemme und zum Beispiel die Ausbildung der Lungenbläschen beim Kind erschwere.

Die Forscher sehen ihre Ergebnisse als Beweis dafür, dass die Grenzwerte für Luftverschmutzung weiter gesenkt werden müssen. "Wenn unsere Hypothese stimmt, führen frühe Einflüsse auf die Atemwege zu einem Anstieg der Lungenkrankheiten und zu einer kürzeren Lebenserwartung", schreiben die Forscher in ihrem Bericht.

Stichwort Feinstaub

Definition: Als Feinstaub werden fein verteilte feste Partikel (particulated Matter, PM) in der Luft bezeichnet. Je nach Durchmesser unterscheidet man groben (über 10 µm), inhalierbaren (unter 10 µm), lungengängigen (unter 2,5 µm) oder ultrafeinen Staub (unter 0,1 µm). Feinstaub-Messwerte beziehen sich meist auf die Konzentration von inhalierbarem (PM10-Wert) und lungengängigem Feinstaub (PM2,5-Wert).

Quellen: Industrie und Heizungen produzieren etwa die Hälfte des Feinstaubs, die andere Hälfte geht auf den Straßenverkehr zurück. Etwa 50 Prozent davon entstehen durch Abgase, der Rest durch Abrieb von Reifen und Bremsen sowie durch Staubaufwirbelungen der Straße.

Grenzwerte: In deutschen Städten darf der PM10-Grenzwert von 50 µg / m3 an 35 Tagen im Jahr nicht überschritten werden. An viel befahrenen Straßen betragen die Werte gelegentlich mehr als 100 µg/m3 . Der Jahresmittelwert für PM10-Staub darf nicht über 40 µg / m3 liegen, nach der WHO nicht über 20 µg / m3. Studien zufolge sterben bereits bei einem Unterschied von 10 µg/m3 langfristig 40 Prozent mehr Menschen an Herzinfarkt und Schlaganfall. (mut)

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