Ärzte Zeitung, 08.03.2010
 

Klebetechnik bei Lungenemphysem im Test

Schlecht durchlüftete Lungenareale zu verkleben, um den Sauerstoffaustausch in intakten Arealen zu bessern - diese neue Technik bei Lungenemphysem wird evaluiert.

Von Roland Fath

HEIDELBERG. Die bronchoskopische Klebetechnik bei schwerem Lungenemphysem wurde an der Heidelberger Thoraxklinik in den vergangenen zwei Jahren bereits bei rund 30 bis 40 Patienten angewandt. Die Klinik ist an einer europaweiten Studie beteiligt, in der die Technik jetzt evaluiert wird. "Die ersten Ergebnisse sind sehr positiv", berichtete Professor Felix Herth im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Die Sechs-Minuten-Gehstrecke der medikamentös weitgehend austherapierten Emphysem-Patienten betrug vor dem Eingriff nur noch 150 bis 600 Meter - nach dem Eingriff legten sie eine um 50 bis 60 Meter längere Gehstrecke zurück. Und auch noch ein bis zwei Jahre nach dem Eingriff hielten die Besserungen an.

Bei der Klebetechnik ist das Ziel ähnlich wie bei einer chirurgischen Lungenresektion: Schlecht durchlüftete Lungenareale, die mit einem Kontrastmittel-CT der Lunge identifiziert werden können, werden ausgeschaltet, damit die Patienten aus den noch intakten Arealen mehr Luft bekommen.

Verwendet wird für die Verklebung der geschädigten Bronchiolen ein patentierter Biokleber des US-Unternehmens Aeris Therapeutics, dessen Hauptbestandteil Fibrin ist, ähnlich einem in der Chirurgie verwendeten Kleber. "Zunächst erfolgt der Eingriff einseitig rechts oder links", erläuterte Herth. Wenn das dem Patienten nicht deutlich mehr Luft beim Atmen verschafft, erfolgt der Eingriff auch auf der anderen Seite.

Für die neue Behandlung kommen Emphysem-Patienten mit weit fortgeschrittener Erkrankung in Frage, die kaum noch belastbar sind und Kandidaten für eine chirurgische Lungenresektion oder für ein weiteres relativ neuartiges Verfahren sind, die sogenannte Ventiltechnik. Dabei werden nicht gut durchlüfte Lungenareale mit winzigen Titanventilen verschlossen. Nur bei jedem zweiten Patienten ist dieses Verfahren allerdings geeignet, da bei vielen Patienten auch eine kollaterale Ventilation vorliegt.

Die Lungenareale seien hier miteinander verschaltet, was das Ergebnis beeinträchtigen würde, erläuterte Herth. Zusätzlich ist die Ventiltechnik ausgesprochen teuer, da die Patienten häufig drei der rund 2500 Euro teuren Ventile benötigen.

Mit der Klebetechnik werden ähnlich gute Ergebnisse wie mit der Ventiltechnik erzielt, und sie ist für mehr Patienten geeignet. Die Lungenfunktion und die Sechs-Minuten-Gehstrecke verbessern sich um 30 Prozent. In der Studie, in die noch Patienten aufgenommen werden, soll der Erfolg der Therapie dokumentiert werden. Es sollen 250 Patienten therapiert werden. Die Ergebnisse werden ein halbes Jahr nach dem Eingriff ausgewertet.

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