Ärzte Zeitung online, 04.12.2018

Mit hypertoner Kochsalzlösung

Frühe Inhalationstherapie hilft Babys mit Mukoviszidose

Die präventive Inhalationstherapie mit hypertoner Kochsalzlösung kann für Säuglinge und Kleinkinder mit Mukoviszidose empfohlen werden. Grundlage ist eine Studie zur Wirksamkeit dieser Präventionstherapie.

Frühe Inhalationstherapie hilft Babys mit Mukoviszidose

Hypertone Kochsalzlösung trägt dazu bei, die Lungenoberfläche und den Schleim in den Atemwegen besser zu befeuchten.

© Jovanmandic / iStock / Thinkstock (Symbolbild)

HEIDELBERG. Babys mit der angeborenen Multiorganerkrankung Mukoviszidose profitieren von einer sehr früh einsetzenden Inhalationstherapie mit hypertoner Kochsalzlösung. Ihre Lungenfunktion verbessert sich und sie legen im Lauf eines Jahres mehr an Gewicht zu als Patienten, die eine isotone Salzlösung inhalieren. Zu diesem Ergebnis ist eine multizentrische Studie im Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) unter Federführung des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin Heidelberg gekommen (Am J Respir Crit Care Med. 2018, online 9. November; Am J Respir Crit Care Med. 2018, online 13. November).

Angesichts der hervorragenden Ergebnisse kann die präventive Inhalationstherapie mit hypertoner Kochsalzlösung nun für Säuglinge und Kleinkinder mit Mukoviszidose empfohlen werden, heißt es in einer Mitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg. Die teilnehmenden Studienzentren haben ihre Behandlung bereits entsprechend umgestellt.

Studie ebnet Weg für weitere präventive Maßnahmen

„Die Studie belegt erstmals den Nutzen einer präventiven Therapie, die noch vor den ersten Symptomen im Säuglingsalter ansetzt. Darüber hinaus konnten wir in der Studie auch zeigen, dass sich die angewandten Untersuchungsverfahren – die Messung der Lungenbelüftung und die Magnetresonanztomographie – sehr gut eignen, um mit geringer Belastung für die Kinder Therapieeffekte zu überprüfen“, wird Professor Marcus Mall in der Mitteilung zitiert.

Mall hat die Studie am Universitätsklinikum Heidelberg geleitet und hat mittlerweile die Leitung der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie mit Intensivmedizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin übernommen. „Die Arbeit ebnet damit den Weg für die Entwicklung weiterer präventiver Therapien mit dem Ziel die Entstehung von schweren Lungenschäden bei Patienten mit Mukoviszidose zu verhindern oder zumindest deutlich aufzuhalten.“

Die Studie ist ein Projekt des Zentrums für Translationale Lungenforschung (TLRC) Heidelberg sowie des Mukoviszidose-Zentrums am Universitätsklinikum Heidelberg und wurde im Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und von der Dietmar Hopp Stiftung gefördert. Die Unterstützung der Dietmar Hopp Stiftung belief sich auf 380.000 Euro. Die Studienlösungen und Inhalationsgeräte wurden von Pari GmbH zur Verfügung gestellt.

NaCl-Inhalation bei 42 Babys getestet

Für die Studie wurden insgesamt 42 Babys in den ersten drei Lebensmonaten zufällig einer Therapie- und einer Kontrollgruppe zugeteilt, ihre Lungenbelüftung sowie Wachstum und Gewichtsentwicklung ein Jahr lang verfolgt. Die Kinder der Therapiegruppe inhalierten zweimal täglich eine hypertone Kochsalzlösung, deren Salzgehalt über dem des Lungensekrets liegt und die dazu beiträgt, die Lungenoberfläche und den Schleim in den Atemwegen besser zu befeuchten, die Babys der Kontrollgruppe inhalierten eine isotone – in ihrer Konzentration dem Lungensekret entsprechende – Kochsalzlösung.

Die Lungenfunktion der Kinder wurde mittels Messung der Lungenbelüftung (Lung Clearance Index, LCI) erfasst. Dabei wird die Anzahl der Atemzüge ermittelt, die nötig sind, bis die gesamte Luft in der Lunge einmal ausgetauscht ist. „Diese Messung zeigt sehr empfindlich an, ob sich Atemluft in der Lunge staut, weil beispielsweise Schleimpfropfen oder Entzündungen die Luftzirkulation behindern“, erinnert Erstautorin Dr. Mirjam Stahl, Kinder-Lungenspezialistin am Mukoviszidosezentrum und Zentrum für Translationale Lungenforschung (TLRC) am Universitätsklinikum Heidelberg.

Zäher Schleim in den kleinen Atemwegen erschwert nicht nur die Atmung, sondern führt bekanntlich im weiteren Verlauf zu Entzündungen und Veränderungen des Lungengewebes.

Nutzen der Kochsalz-Inhalation auch im MRT untersucht

Zusätzlich wurden bei allen Kindern MRT-Untersuchungen der Lunge durchgeführt, um eben solche Veränderungen und Entzündungsherde aufzuspüren. Nach einem Jahr entwickelte sich die Lungenbelüftung bei den Babys der Therapiegruppe deutlich besser als bei der Vergleichsgruppe, sie waren durchschnittlich 500 Gramm schwerer und 1,5 Zentimeter größer.

Ursache für die gute Gewichtsentwicklung sehen die Studienärzte im insgesamt besseren Gesundheitszustand der Kinder. Im MRT-Befund gab es zu diesem frühen Zeitpunkt nur leichte Unterschiede zwischen den beiden Gruppen.

Das Fazit von Stahl: „Diese Inhalationstherapie empfiehlt sich als eine einfache und gut verträgliche Maßnahme, um frühe Lungenveränderungen bei Mukoviszidose abzumildern oder hinauszuzögern. Sie verschafft den betroffenen Kindern deutlich verbesserte Startbedingungen fürs Leben.“

Alle Kinder werden im Rahmen der ebenfalls von Heidelberg aus koordinierten Folgestudie weiter betreut. So wollen die Ärzte klären, wie sich die präventive Therapie auf den weiteren Krankheitsverlauf auswirkt. Dr. Ingrid Rupp, Leiterin der Dietmar Hopp Stiftung: „Die Studie zeigt erneut: Je früher nach Diagnosestellung gehandelt wird, desto besser. Es freut uns und den Stifter Dietmar Hopp, dass die Studie nachhaltig betroffenen Kindern mit dieser vergleichsweise einfachen Methode helfen kann.“ (eb)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Vom Chefarzt zum Hausarzt-Assistenten

Selten dürfte es sein, wenn nicht einmalig: Dr. Roger Kuhn hat seinen Chefarztposten im Krankenhaus aufgegeben, um in einer Hausarztpraxis zu arbeiten – als Assistent. mehr »

Wenn die Depressions-App zweimal klingelt

Smartphone-Apps könnten helfen, eine beginnende Depression oder ein hohes Suizidrisiko aufzuspüren. Lernfähige Algorithmen könnten ein verändertes Nutzerverhalten erkennen – und notfalls Alarm schlagen. mehr »

Psychotherapeuten versus Regierung

Die Psychotherapeuten laufen Sturm gegen das Terminservice- und Versorgungsgesetz. Sie fordern gleiche Rechte für ihre Patienten. mehr »