Ärzte Zeitung online, 05.03.2009

Erste Oper für Sehbehinderte öffnet in Heidelberg ihre Tore

HEIDELBERG (dpa). Katja Jag ist schon seit ihrem dritten Lebensjahr vollständig blind. Und die Sonderschullehrerin für Englisch und Deutsch aus Ilvesheim bei Mannheim hat in ihrem Leben noch nie eine Oper besucht. Das soll sich am 7. März ändern. Am Heidelberger Stadttheater öffnet sich auf Initiative des dortigen Intendanten Peter Spuhler zum ersten Mal in Deutschland der Vorhang für eine Oper, die barrierefrei ist für Blinde und Hörgeschädigte. Auf dem Spielplan: "Titus" von Wolfgang Amadeus Mozart.

"Besonders aufgeregt bin ich nicht", meint Jag trotz des Debüts. "Es ist für mich aber mal eine gelungene Abwechslung, im Theater zu sitzen und per Kopfhörer in kleinen Pausen live gesprochene Erläuterungen zu bekommen, wie zum Beispiel die Handlung abläuft." So könne sie auch mehr über die Charaktere, das Bühnenbild und die Musik erfahren, ohne sich vorbereiten zu müssen oder auf Andere angewiesen zu sein. Bisher war die blinde Lehrerin bei Veranstaltungen immer von der Hilfe ihres nicht-blinden Freundes abhängig, der ihr erklärte, was er sah. "Das war manchmal schon etwas nervig, da er selbst nicht viel von der Veranstaltung hatte, mir bei einer Theateraufführung immer von einer Blondine erzählte, die für die Handlung aber überhaupt keine Rolle spielte und andere Zuschauer dadurch gestört wurden."

Damit Katja Jag nun in den vollen Operngenuss kommen kann und bei ihr neben der Musik im Kopf eine möglichst konkrete Vorstellung der Handlung möglich wird, installieren Techniker im Theater Heidelberg vor der Opernaufführung am Wochenende gerade aufwendige Übertragungsmodule. Die Kosten liegen bei etwa 12 000 Euro. Die Module werden vom Berliner Verein "Hörfilm", der Vereinigung deutscher Filmbeschreiber, angebracht und von privaten Stiftungen und Firmen finanziert.

Neben dem Liveempfang der Kommentierungen für Blinde über einen Audioguide wird ihnen ebenso eine spezielle Audioführung durch das Theater und das angeschlossene Foyer angeboten. An Orten wie der Theaterbar oder den Garderoben werden für die erwarteten bis zu 120 Blinden Sender installiert, die in festgelegter Reichweite ein Signal aussenden. Wird vor der Bar ein bestimmter Radius überschritten, kann man im Ohr die Getränkekarte vorgelesen bekommen, hört, wie der Theaterraum aufgebaut ist und wo genau die Musiker sitzen und welche Instrumente sie spielen.

Besonders freut sich Winfried Mikus auf diese "Titus"-Aufführung. Der Tenor singt in Mozarts letzter komponierter Oper die Partie des Titelhelden, eines römischen Kaisers, der sich fortwährend die Frage nach dem richtigen Weg des Lebens stellt und dabei immer einsamer wird. Um diese Verlassenheit besser darstellen zu können, ist Titus in der Inszenierung selbst blind. Dies hatte Regisseur Christian Sedelmayer vor der Premiere im vergangenen Herbst festgelegt, um die Einsamkeit des Titus zu symbolisieren. "Er wusste damals noch nicht, dass wir die spezielle Aufführung für Blinde machen. Ein besonderer Zufall, der gut zum besonderen Publikum passt", sagt Mikus.

Blinde Menschen seien während einer Vorstellung "unglaublich konzentriert" und ständen unter einer außergewöhnlichen Spannung. "Wenn man alles sieht, ist man oft abgelenkter." Außerdem blickten viele Sehende wegen der italienischen Sprache der Oper fortwährend auf die deutschen Untertitel über dem Theatervorhang. "Beim Singen bemerke ich oft, dass meine Zuschauer nicht immer bei der Sache sind, weil sie abgelenkt sind", sagt der 47-Jährige, der von Opernfans schon gefragt wurde, ob er nun selbst blind sei oder nicht.

Bei der Opernaufführung selbst sind auch sehende Theaterbesucher dabei. Sie erhalten die Möglichkeit, Brillen auszuleihen, die eine Sehstörung simulieren, um die Situation nichtsehender Besucher nachvollziehen zu können. Das Programm wird durch ein spezielles Angebot der Heidelberg Marketing GmbH unterstützt. Neben Führungen durch die historische Altstadt gibt es weitere Veranstaltungen für Blinde. Dazu gehört auch eine Bühnen-, Kostüm- und Maskenführung durch das Theater.

www.theaterheidelberg.de

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