Ärzte Zeitung, 22.07.2004

Hund wird erkannt, Angehörige nicht

In Duisburg trainieren Altenheimbewohner mit Hilfe eines Labradors ihr Gedächtnis

DUISBURG (ble). "Komm doch mal her, wir wollen dich nur streicheln." Für Heike Rohm steht dieser Satz exemplarisch für den Erfolg, den die Rezeptionistin im Seniorenzentrum der Duisburger Arbeiterwohlfahrt seit Anfang des Jahres verbuchen kann. Mit ihrem dreijährigen Labrador hat sie erreicht, was sonst mit tausend Worten schwer zu schaffen ist: dem Gedächtnis dementer Heimbewohner Erinnerungen zu entlocken.

Bandix heißt der Hund, der vieles verändert hat. Seinen "Arbeitsort" kennt er bereits von klein auf. Aus purer Not hatte sein Frauchen ihn damals mitgenommen und festgestellt, daß vor allem verwirrte Menschen positiv reagierten und wieder aktiver wurden. Schon bald war ihr Labrador der Liebling des Heims. Es keimte der Entschluß, Hunde zur Demenz-Therapie einzusetzen.

Inzwischen geht das Einsatzgebiet von Bandix weit über Streicheleinheiten und Spielereien hinaus. Mit dem Gedächtnistraining hat Rohm ein weiter gehendes Konzept entwickelt. Für kurze Zeit holen sie und Bandix in Gruppensitzungen die Erinnerung der Menschen zurück. Dazu apportiert der Rüde einfache Dinge wie Kochlöffel oder Socken. Anders als beim Pflegepersonal regt der Kontakt mit dem Hund die Patienten zum Mitmachen an. Oft fallen den Alten die Namen der Gegenstände wieder ein, oder sie stellen Assoziationen her, berichtet sie.

Wie wirksam die Arbeit mit Hunden für das Erinnerungsvermögen dementer Menschen zu sein scheint, schildert Rohm an einem einfachen Beispiel: "Die Bewohner haben gelernt, ihre Leckerchen für Bandix in kleine Stücke aufzuteilen, damit er länger bei ihnen bleibt." Zudem sei die Erinnerung an den Hund so stark, daß die Alten gezielt nach ihm fragten. Eigene Angehörige würden dagegen nicht erkannt.

Trotz aller Erfolge in der Therapie weiß die ausgebildete Hundetrainerin auch um die Grenzen: "Nichts geht auf Biegen und Brechen, weder bei Mensch noch Hund." An manchen Tagen seien weder Patient noch Tier belastbar, darauf müsse man Rücksicht nehmen. Ganz wichtig sei zudem, daß die Hunde wesensfest seien und gezielt vorbereitet würden. So hat auch der zweite Vierbeiner im Einsatz, Bouviermischling Jette, das Seniorenzentrum schon im Welpenalter kennengelernt.

Auch Jette hat bereits Spuren hinterlassen. Als eine Bewohnerin vor kurzem eine von Rohm umgeschriebene Kurzgeschichte über Jette vorlas, habe sie sich plötzlich über sich selbst gewundert: "Da merkte sie, daß sie lesen kann."

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