Ärzte Zeitung online, 26.06.2008

Experte: Versorgung bei Demenz "absolut unzureichend"

BERLIN (dpa). Die Versorgung von Demenzkranken wie etwa Alzheimerpatienten ist nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie in ganz Deutschland "absolut unzureichend".

"Es gibt zwar ständig neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die molekularen Vorgänge im Gehirn bei einer Demenzerkrankung, aber die Versorgung der betroffenen Patienten bleibt auf einem schlechten Niveau stehen", sagte Vorstandsmitglied Professor Wolfgang Maier in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) veranstaltete am Mittwoch ein Demenz-Symposium in Berlin. Unter Demenzleiden fassen Mediziner verschiedene Formen der Hirnleistungsschwäche zusammen, darunter die fortschreitende Alzheimer-Krankheit.

"Die Demenzkranken werden in den Pflegeheimen oder bei ihren Familien zu Hause meist nur von Allgemeinärzten und Pflegekräften ohne eine gesonderte Qualifikation versorgt", berichtete Maier, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn. "Dabei handelt es sich um eine Körper, Geist, Seele und die gesamte Persönlichkeit umfassende Erkrankung, die auch bei der Behandlung Spezialisten erfordert." So fehlten den Patienten meist die Kommunikationsmöglichkeiten, um ihre Bedürfnisse und Schmerzen verständlich mitteilen zu können. "Doch wenn sie sich nicht ausdrücken können, werden viele der Betroffenen aggressiv - was die Pflege weiter erschwert."

Wichtig sei daher eine ganzheitliche medizinische Versorgung durch Experten wie Psychiater oder Neurologen. "Der Arzt muss das Verhalten der Patienten verstehen und sich einfühlen können, weil es sonst verzweifelte Reaktionen auf beiden Seiten gibt", betonte Psychiater Maier. "Außerdem würde sich mit einer qualifizierteren Versorgung auch die Lebensqualität der Betroffenen und der sie pflegenden Angehörigen erheblich verbessern und der Krankheitsfortschritt verzögert werden."

In Deutschland haben rund 1,1 Millionen Menschen eine Demenz - mit steigender Tendenz. Jedes Jahr kommen laut DGPPN etwa 200 000 Neuerkrankte dazu. Außerdem steigt das Risiko einer Erkrankung mit steigendem Alter. Experten rechnen für das Jahr 2030 mit 2,5 Millionen Betroffenen.

Die Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN): www.dgppn.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Rätselhafter Demenz-Rückgang

Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Wisssenschaftliche Erklärungen für die Beobachtung fallen schwer. mehr »

Immuntherapie gewinnt an Stellenwert in der MS-Therapie

Die Therapieoptionen bei Multipler Sklerose (MS) haben sich erweitert. Neue Substanzen werden daher auch in die aktualisierten Leitlinien Einzug halten. mehr »

Polarisierung – Chance für das Parlament

Gesundheitspolitik in Zeiten der großen Koalition – das stand für die fehlende Konkurrenz der Ideen. Der Souverän hat die Polarisierung gewollt. Das ist eine Chance für die Demokratie. mehr »