Ärzte Zeitung online, 25.07.2008

Antihistaminikum bremst Alzheimer

HOUSTON/MOSKAU (mut). Mit dem Antihistaminikum Dimebon konnten Forscher einen überraschenden Erfolg bei Alzheimer-Patienten erzielen: Selbst nach einem Jahr Therapie war in einer Studie die kognitive Leistung noch besser als zu Therapiebeginn.

Modell des menschlichen Gehirns.

Foto: vasiliy Yakobchuk©www.fotolia.de

Doch nicht nur die Kognition besserte sich, auch kamen die Patienten im Alltag zunächst wieder besser zu recht als vor Therapiebeginn, und Verhaltensstörungen gingen mit der Therapie zunächst zurück.

Nach einem Jahr Therapie waren Alltagsfunktion und psychische Auffälligkeiten wieder auf Ausgangsniveau, dagegen hatten sie sich mit Placebo deutlich verschlechtert, berichten russische und US-amerikanische Forscher in der Zeitschrift "The Lancet" (372, 2008, 207). Zuvor hatte schon eine Pilotstudie mit der Arznei Hinweise auf eine gute antidementive Wirkung der Substanz ergeben, die in Russland in den 80er Jahren als Antihistaminikum verwendet worden ist.

Insgesamt hatten an der Studie 183 Patienten mit milder bis moderater Alzheimer-Demenz teilgenommen (MMST-Wert 10 bis 24 Punkte). Sie erhielten zunächst für 26 Wochen, dann für ein weiteres halbes Jahr Placebo oder 60 mg Dimebon. Primärer Endpunkt war die kognitive Leistung, gemessen mit der ADAS-cog-Skala. Mit Placebo verschlechtere sich der Wert innerhalb von einem halben Jahr um 2,1 Punkte. Mit Dimebon verbessert sich der Wert dagegen um 1,9 Punkte. Die Differenz zu Placebo betrug also 4 Punkte auf der ADAS-cog-Skala. Z

um Vergleich: In Studien mit Cholinesterase-Hemmern betrug die Differenz nach einem halben Jahr im Schnitt etwa drei Punkte. Nach einem weiteren halben Jahr lag die Differenz im Schnitt bei knapp 7 Punkten, der ADAS-cog-Wert war dabei mit Verum noch immer um 1,2 Punkte besser als zu Therapiebeginn, berichten Professor Rachelle Doody und ihre Kollegen. Auch der MMST-Wert war nach 12 Monaten noch 0,7 Punkte über dem Ausgangswert und 2,3 Punkte besser als mit Placebo.

Auf der Verhaltensskala NPI ging der Wert zunächst um einen Punkt zurück, lag nach 12 Monaten dann 0,7 Punkte über dem Ausgangswert, mit Placebo hatte er sich dagegen um 4,8 Punkte verschlechtert. Häufigste unerwünschte Wirkung im Vergleich zu Placebo waren Mundtrockenheit (12 versus 1 Prozent) und depressive Stimmung (12 versus 5 Prozent). Ob Dimebon tatsächlich einen Therapiefortschritt bringt, müsse nun allerdings in einer größeren Studie geprüft werden, so die Studienautoren.

Stichwort Dimebon

Dimebon wurde 1983 in Russland als Antihistaminikum eingeführt, verschwand aber bald wieder vom Markt, als neue Antihistaminika entwickelt wurden. Das Indol-Derivat hemmt sowohl Cholinesterasen als auch den NMDA-Signalweg.

Im Gegensatz zu den verfügbaren Cholinesterase-Hemmern und dem NMDA-Antagonisten Memantine sind diese Effekte jedoch schwächer ausgeprägt und können die antidementive Wirkung von Dimebon nicht ausreichend erklären. In Tier- und Zellkulturversuchen zeigte sich die Substanz neuroprotektiv. Vermutet wird, dass Dimebon seine zellschützende Wirkung entfaltet, indem es bestimmte Mitochondrien-Kanäle blockiert.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Neue Hoffnung mit altem Medikament

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Beginnt die MS im Dünndarm?

Im Dünndarm werden wohl "Schläfer-T-Zellen" aktiviert, die eine MS triggern. Jetzt sind Forscher auf der Suche nach dem Auslöser – und haben Keime im Verdacht. mehr »

Wie die Neurologie von der Flüchtlingskrise profitiert

Migranten sind für Europa eine Herausforderung, doch sie bringen auch neue Erkenntnisse: Mediziner können durch Zuwanderer erforschen, wie Gene und Umwelt mit neurologischen Krankheiten zusammenhängen. mehr »

Hausbesuche bringen wohl mehr Honorar

Beim GKV-Spitzenverband gilt als ausgemacht, dass die Ärzte für eine Ausweitung der Mindestsprechzeiten nur sparsam honoriert werden sollen. Das Honorarsystem soll keine Gelddruckmaschine für Ärzte sein. Eine Ausnahme könnte es geben: Hausbesuche. mehr »