Ärzte Zeitung, 24.01.2012
 

Entsteht Alzheimer durch stumme Hirninfarkte?

Stumme Schlaganfälle gehen häufig mit Gedächtnisproblemen und hirnorganischen Veränderungen einher, wie sie bei beginnendem Morbus Alzheimer typisch sind. Möglicherweise können solche Insulte eine Alzheimer-Demenz beschleunigen oder gar auslösen.

Von Thomas Müller

Entsteht Alzheimer durch stumme Hirninfarkte?

Schnitt eines menschlichen Gehirns. Vaskuläre Probleme können offenbar direkt in eine Alzheimer-Demenz münden.

© Bernd Wüstneck / dpa

NEW YORK. Bislang dominiert die Amyloid-Hypothese die Alzheimer-Forschung - danach sind verklumpte Amyloidproteine die Hauptursache für den Untergang von Hirnzellen und den folgenden Gedächtnisverlust.

Allerdings sind reine Amyloid-Pathologien nur bei etwa fünf Prozent der Demenzpatienten zu beobachten, die Amyloid-Last im Gehirn korreliert zudem nicht immer mit der kognitiven Leistung. Vielmehr liegen bei einem Großteil der Alzheimer Patienten auch vaskuläre Schäden vor, sodass es nicht einfach ist, eine vaskuläre Demenz von einer Alzheimer-Demenz klar abzugrenzen.

660 älteren Teilnehmern das Gehirn per MRT untersucht

Eine aktuelle Studie liefert nun weitere Hinweise, dass eine solche Differenzierung bei vielen Patienten obsolet sein dürfte: Vaskuläre Probleme können offenbar direkt in eine Alzheimer-Demenz münden. So beeinträchtigen stumme Hirninfarkte das Gedächtnis und lassen den Hippocampus schrumpfen - und ein kleiner Hippocampus gilt wiederum als Frühindikator für eine Alzheimer-Demenz.

In ihrer Studie haben Forscher einer Arbeitsgruppe um Dr. Adam Brickman aus New York bei knapp 660 älteren Teilnehmern ohne Demenz das Gehirn per MRT untersucht (Neurology 2012, Epub 2.01. 2012). 174 davon, das sind 26 Prozent, zeigten Zeichen bisher unbemerkter Schlaganfälle, meist in subkortikalen Bereichen.

Diese Personen schnitten im Kognitionstest deutlich schlechter ab als Teilnehmer ohne Infarkte. Erwartet hatten die Forscher allerdings nur Defizite bei Sprachverarbeitung und bei Exekutivfunktionen wie Planen, Entscheidungen treffen, Impulskontrolle oder motorische Steuerung. Diese Funktionen sollten bei einer beginnenden vaskulären Demenz primär beeinträchtigt sein.

Die Teilnehmer mit stummen Infarkten hatten allerdings zusätzlich auch deutliche Gedächtnisprobleme, was wiederum eher für eine beginnende Alzheimer-Erkrankung typisch ist. Volumenmessungen ergaben, dass der Hippocampus bei solchen Patienten deutlich geschrumpft war - dies mag die Gedächtnisprobleme erklären.

Nicht nur ein Begleitphänomen

Die Forscher vermuten daher, dass bei vielen Alzheimer-Patienten vaskuläre Schäden nicht nur ein Begleitphänomen darstellen, sondern Teil der Alzheimer-Pathologie sind: Stumme Infarkte könnten dann letztlich Morbus Alzheimer auslösen.

Wie Infarkte, schrumpfender Hippocampus und alzheimertypische Amyloid-Ablagerungen zusammenhängen, darüber lässt sich bislang aber nur spekulieren. Möglicherweise bekommt es der Gedächtniszentrale im Hippocampus nicht besonders gut, wenn kortikale und subkortikale Verbindungen durch stumme Infarkte abbrechen.

Zudem reagiert die Struktur empfindlich auf Ischämien, sie könnte also auch direkt unter der schlechten Gefäßfunktion bei Infarktpatienten leiden. Brickmans Team geht jedenfalls davon aus, dass bei den allermeisten Demenz-Patienten mehrere Mechanismen zugange sind. Auch eine Alzheimer-Demenz wäre dann die Konsequenz aus einer multiplen Hirnschädigung.

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