Ärzte Zeitung, 25.11.2016
 

Dick und gute Bildung

Diese Faktoren schützen vor Demenz

Demenzinzidenz geht in Industrieländern stark zurück: Vor allem Menschen mit guter Bildung sind weniger anfällig – aber auch Dicke. Warum Übergewicht von Vorteil scheint, dafür haben die Forscher eine bemerkenswerte Erklärung.

Von Thomas Müller

Diese Faktoren schützen vor Demenz

Rätselhaft: In Industrieländern sinkt die Anzahl der Demenzkranken. Woran liegt das?

© wildpixel / iStock / Thinkstock

Es ist schon frappierend: Vergleicht man die Demenzprävalenz heute mit der vor zehn bis zwanzig Jahren, so ist sie in Industrieländern altersadjustiert im Vergleich um etwa ein Viertel geringer.

Egal ob die Daten aus Großbritannien, Spanien, Schweden, Dänemark oder den Niederlanden stammen, in all diesen Ländern sinken Inzidenz und Prävalenz in einer vergleichbaren Größenordnung.

Eine neue US-Analyse konnte den Trend nun auch für die USA bestätigen: Hier sank die Demenzprävalenz zwischen den Jahren 2000 und 2012 ebenfalls um ein Viertel (JAMA Intern Med 2016, online 21. November).

Positive Faktoren: Dick und gute Bildung

Besonders gefeit vor einer Demenz sind nach diesen Daten ältere Menschen mit einer guten Ausbildung und überraschenderweise auch Dicke.

Für ihre Analyse haben sich Ärzte um Kenneth Langa zwei Kohorten der Health and Retirement Study genauer angeschaut. Bei diesem Survey fühlen Forscher älteren US-Amerikanern regelmäßig auf den Zahn, um Trends bei der Gesundheit zu erfassen.

Neben Gesundheitsdaten erheben sie bei einer repräsentativen Stichprobe von Menschen über 65 Jahren auch sozioökonomische Angaben. Sowohl im Jahr 2000 als auch 2012 nahmen rund 10.500 Personen am Survey teil, im Schnitt betrug das Alter jeweils 75 Jahre.

Demenzprävalenz von 12 auf 9 Prozent gesunken

Sofern die Beteiligten dazu in der Lage waren, nahmen sie an kognitiven Tests teil. Anhand dieser diagnostizierten die Forscher eine leichtere kognitive Einschränkung oder eine Demenz.

Konnten die Auserwählten nicht mehr selbst an den Tests teilnehmen, mussten Angehörige oder Pflegekräfte anhand eines Fragebogens deren kognitive Fähigkeiten einschätzen. Eine Belohnung von 80 Dollar sorgte für eine Beteiligung von rund 90 Prozent der Angeschriebenen.

An einer Demenz erkrankt waren im Jahr 2000 11,6 Prozent aller Teilnehmer, zwölf Jahre später alters- und geschlechtsadjustiert nur noch 8,6 Prozent – ein relativer Rückgang von knapp 26 Prozent.

Eine kognitive Beeinträchtigung ohne Demenz fanden die Studienautoren bei 21,2 Prozent im Jahr 2000 und 18,8 Prozent im Jahr 2012. Hier war der Rückgang in absoluten Zahlen ähnlich groß wie bei der Demenz, relativ jedoch geringer.

Auf der Suche nach Schutzfaktoren vor Demenz

Um den Gründen für den Rückgang auf die Spur zu kommen, suchten die Forscher um Langa nach Unterschieden in beiden Kohorten.

So war das Bildungsniveau, gemessen an Schul- und Ausbildungsjahren, bei den Teilnehmern des 2012-er-Surveys deutlich höher: Im Schnitt hatten die Teilnehmer bei der späteren Umfrage ein Ausbildungsjahr mehr absolviert.

Auffallend war auch eine Verschiebung beim Nettovermögen: Die Reichen waren 2012 reicher, die Armen deutlich ärmer als im Jahr 2000.

Andere Krankheiten häufiger vertreten

Wenig überraschend gab es im Jahr 2012 mehr Diabetiker (25 versus 16 Prozent), mehr Adipöse (29 versus 18 Prozent) und mehr Hypertoniker (68 versus 55 Prozent). Zugleich stieg der Anteil der Teilnehmer mit einer Herzerkrankung leicht von 29 auf 32 Prozent, der Anteil von Teilnehmern mit Schlaganfall hatte sich nicht verändert.

Schaute sich das Team um Langa die einzelnen Teilnehmer in beiden Surveys genauer an, dann war die Demenzprävalenz bei denjenigen mit der längsten Ausbildung und dem größten Vermögen am geringsten.

Die Differenz zu solchen Teilnehmern mit niedriger Bildung oder ohne Vermögen lag bei etwa 70 Prozent – selbst wenn andere bekannte Risikofaktoren für eine Demenz berücksichtigt wurden.

Dicke zu 30 Prozent seltener demenzkrank

Erstaunlicherweise fanden die Forscher bei Übergewichtigen und Adipösen eine um rund 30 Prozent geringere Demenzrate als bei Normalgewichtigen. Teilnehmer mit Untergewicht waren hingegen zweieinhalbfach häufiger betroffen.

Deutlich erhöht ist nach diesen Ergebnissen die Demenzprävalenz auch bei Schlaganfallpatienten (um den Faktor drei), bei Diabetikern (um 40 Prozent), nicht aber bei Herzkranken. Bei ihnen ist die Demenzrate sogar um etwa 16 Prozent reduziert.

Wie passt das alles zusammen?

Schon aus anderen Studien ist bekannt, dass Wohlhabende und Gebildete seltener an Demenz erkranken. Dies wird auf gesünderen Lebensstil, bessere medizinische Versorgung und höhere kognitive Reserve zurückgeführt.

Das höhere Bildungsniveau der Senioren 2012 kann den größten Teil der Differenz erklären, wenngleich unklar ist, ob die Bildung direkt oder indirekt über den damit verbundenen Lebensstil wirkt.

Widersprüchlich erscheint jedoch auf den ersten Blick der Anstieg kardiometabolischer Erkrankungen bei sinkender Demenzprävalenz. Nach epidemiologischen Daten gehen kardiovaskuläre Risikofaktoren auch mit einem erhöhten Demenzrisiko einher.

Hier vermuten die Studienautoren um Langa eine bessere medizinische Versorgung als Erklärung. Diese könnte die Risiken sowohl für Schlaganfall und Herzinfarkt als auch für eine Demenz senken. Dafür spricht die sinkende Inzidenz und Prävalenz kardiovaskulärer Ereignisse – sie ging der sinkenden Demenzprävalenz um ein bis zwei Jahrzehnte voraus.

Das Team um Langa konnte in seiner Analyse eine bessere medizinische Versorgung im Jahr 2012 auch direkt nachweisen, etwa beim Anteil der Diabetiker, die Insulin oder orale Präparate bekamen.

Dicker Bauch: Nur Indikator für ein intaktes Hirn

Bleibt noch das Rätsel um die niedrigere Demenzrate bei Dicken. Auch hier sprechen Studien eigentlich für ein deutlich erhöhtes Demenzrisiko, zumindest bei Übergewicht im mittleren Lebensalter. Entweder ist Übergewicht im Alter plötzlich protektiv, oder aber der Zusammenhang ist ein ganz anderer.

Ärzte um Dr. Ozioma Okonkwo von der Universität in Madison, Wisconsin, vermuten in einem Editorial eine reverse Kausalität: Patienten mit einer Demenz nehmen oft kräftig ab, weil die Steuerung der Nahrungsaufnahme nicht mehr richtig klappt. Ein relativ geringes Gewicht könnte also eher eine Folge der Demenz sein.

Ein dicker Bauch wäre dann nur ein Indikator, nicht aber die Ursache für ein intaktes Gehirn.

[26.11.2016, 22:50:01]
Wolfgang P. Bayerl 
einfach zu abenteuerlich, diese Spekulationen mit Bauch/Gehirn
Dass die Pathogenität von "Übergewicht" (dicker Bauch) sehr altersabhängig ist, ist schon länger bestens bekannt und der einzige Grund, warum man ab spätesten 55 KEINE Übergewichtschirurgie mehr machen soll, ebenso wie keine strikte Abnahme-Diät. Ausnahmen immer eingeschlossen, wenn man die Kausalität verstanden hat.
Bei Makronährstoffen gibt es ja nicht nur Kalorienträger (dicker Bauch), sondern auch das TÄGLICHE Eiweißminimum, also essentielle Strukturstoffe. Der Zusammenhang zwischen Osteoporose und Eiweißmangel ist u.a. in der Framingham-Kohorte bestens dokumentiert.
Wer sich also im Alter deutlich weniger bewegt und seine Gesamtnahrungsaufnahme angepasst dazu oder oft noch stärker reduziert, kommt schnell in den Eiweißmangel und da Eiweiß im Gegensatz zu den reinen Kalorienträgern Zellnahrung ist, ist Eiweißmangel auch Mangel von Mikronährstoffen, am bekanntesten z.B. das B12, aber auch Mineralien. Wer "mehr isst" (Bauch) isst auch mehr Mikronährstoffe. Auch das (Langzeit-)Gedächtnis benötigt Eiweiß. Vegetarier haben nachweißlich im Alter mehr neurologische Erkrankungen auch als Todesursache.
Alzheimer, auch "nicht-vegetarische" haben bis zu 50% einen B12-Mangel.

Wer dagegen auch im Alter Sport treibt möglichst auch mit Muskelerhalt bitte (Krafttraining) und deshalb auch mehr isst, darf auch schlank bleiben.
Dabei ist für die "geistige" Leistungsfähigkeit selbstverständlich das Training des Geistes am wichtigsten.
Mens sana in corpore sano zum Beitrag »
[25.11.2016, 14:05:34]
Thomas Georg Schätzler 
Demenz-Prävalenz: Zunächst reine Beobachtungs-Studie, kein Kausalitätsnachweis!
"A Comparison of the Prevalence of Dementia in the United States in 2000 and 2012" von Kenneth M. Langa et al. ist eine beeindruckende Langzeit-Kohorten-Beobachtungsstudie ["observational cohort study"], welche die Demenz-Prävalenz detektiert, aber keine randomisierte kontrollierte RCT-Studie ('randomised controlled trial').

Erfreulich! In dieser national (USA) repräsentativen Studie ging die 'Demenz-Prävalenz von 11,6% im Jahr 2000 auf 8,8% im Jahr 2012 zurück ["In this observational cohort study of more than 21?000 US adults 65 years or older from the nationally representative Health and Retirement Study, dementia prevalence declined significantly, from 11.6% in 2000 to 8.8% in 2012."]

Aber Schlussfolgerungen und Relevanz lesen sich im Abstract ebenso vorsichtig wie verhalten: Die Prävalenz der Demenz ist in den USA signifikant zwischen 2000 und 2012 gesunken. Ein Anstieg des Bildungsniveaus war zum Teil mit der Verringerung der Demenz-Prävalenz assoziiert, aber das volle Ausmaß der sozialen-, verhaltens- und medizinischen Einflussfaktoren, welche diese Verringerung verursachen, ist nach wie vor unklar ... ["Conclusions and Relevance - The prevalence of dementia in the United States declined significantly between 2000 and 2012. An increase in educational attainment was associated with some of the decline in dementia prevalence, but the full set of social, behavioral, and medical factors contributing to the decline is still uncertain. Continued monitoring of trends in dementia incidence and prevalence will be important for better gauging the full future societal impact of dementia as the number of older adults increases in the decades ahead."] © der Übersetzung d. d. Verfasser

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Bariatrische Chirurgie rückt Bluthochdruck zu Leibe

Adipöse Hypertoniker konnten in einer Studie nach bariatrischer Chirurgie ihre antihypertensive Medikation reduzieren. Die Hälfte erreichte sogar eine Remission des Bluthochdrucks. mehr »

Droht uns jetzt eine Staatskrise?

Jamaika gescheitert, politisches Vakuum in Berlin. Am Beispiel der Gesundheitspolitik lässt sich zeigen, warum das noch keine Krise ist. mehr »

Das müssen Ärzte beim Impfen beachten

Allergische Reaktionen sind eine Kontraindikation für eine erneute Anwendung des Impfstoffs. Ist eine weitere Impfung dennoch nötig, sollten Ärzte diese Tipps beherzigen. mehr »