Ärzte Zeitung online, 08.02.2018

Demenz-Diagnostik

Endlich ein Bluttest auf Alzheimer?

Vielleicht ist das der Durchbruch: Japanische Forscher haben einen Serumtest auf Alzheimer validiert, der mit einer Genauigkeit von 90 Prozent eine erhöhte Amyloidbelastung im Gehirn feststellen kann. Es wäre der erste Bluttest, der sich für die klinische Anwendung eignet.

Von Thomas Müller

Endlich ein Bluttest auf Alzheimer?

Wenn das Gedächtnis langsam verschwindet: Ein früher Test auf Alzheimer könnte helfen, die Erkrankung fühzeitig aufzuspüren und frühstmöglich therapeutisch zu reagieren. Auch wenn bisher die Möglichkeiten begrenzt sind.

© wildpixel / Getty Images / iStock

OBU/MELBOURNE. Es ist schon ungewöhnlich, wenn das wohl renommierteste wissenschaftliche Fachblatt über die Validierung eines Bluttests für Alzheimer berichtet. Doch ein Team um die Professoren Colin Masters aus Melbourne und Katsuhiko Yanagisawa aus Obu hat nicht bloß eine nette Idee veröffentlicht, wie man Alzheimer im Blut nachweisen könnte – was fast täglich irgendein Forscher auf dem Planeten tut –, die Forscher haben dieses Mal richtig Butter bei die Fische gegeben: Sie konnten nachweisen, dass sich ihr Test tatsächlich für die klinische Anwendung eignet. Genau an einem solchen Nachweis sind die vielen netten Ideen bislang stets gescheitert. Daher war der Bluttest der Zeitschrift "Nature" durchaus einen längeren Beitrag wert (doi:10.1038/nature25456).

Amyloidfragmente per Massenspektroskopie bestimmt

Bislang ist die PET-Bildgebung das Maß aller Dinge, um eine Alzheimerpathologie mit Biomarkern in vivo nachzuweisen. Leuchtet im Gehirn eine bestimmte Menge an Amyloid in der PET auf, gehen die Forscher von einer fortgeschrittenen Alzheimerpathologie aus. Zusammen mit klinischen Symptomen lässt sich damit ein Morbus Alzheimer klar diagnostizieren. Die Amyloid-PET ist jedoch teuer und aufwendig und damit für den klinischen Alltag ungeeignet. Eine Liquoranalyse liefert ebenfalls brauchbare Befunde, doch nichts ist letztlich so einfach und so wenig invasiv wie ein Bluttest. Nur mit einem solchen würde ein Alzheimerscreening Sinn machen, nur ein Bluttest taugt als Standardverfahren zur Diagnostik.

Das Wichtigste in Kürze

  • Frage: Lässt sich eine Alzheimerpathologie im Blut nachweisen?
  • Antwort: Ein Serumtest kann mit hoher Genauigkeit eine übermäßige Amyloidlast im Gehirn aufspüren.
  • Bedeutung: Der Test könnte die Alzheimerdiagnostik erleichtern und die Krankheit präklinisch aufspüren.
  • Einschränkung: Die weitere Validierungen ist nötig.
  • Das australisch-japanischen Forscherteam hat für seinen Test Antikörper gegen bestimmte Beta-Amyloid-Fragmente eingesetzt und die entstehenden Komplexe quantitativ gemessen. Das Verfahren, die sogenannte Immunpräzipitations-Massenspektroskopie (IP-MS), war zuvor in kleineren Studien evaluiert worden. Gewöhnliche labordiagnostische Tests auf Beta-Amyloid-Fragmente hatten sich für die Serumanalyse stets als unbrauchbar erwiesen – zu gering war die Korrelation mit den PET-Werten. Das massenspektroskopische Verfahren scheint jedoch wesentlich genauer zu sein, vor allem dann, wenn Werte für mehrere Amyloidfragmente kombiniert werden.

    Die Forscher um Yanagisawa und Masters konzentrierten sich auf ein Bruchstück des Amyloidvorläuferproteins mit der Bezeichnung APP669-711 sowie auf die beiden Beta-Amyloid-Fragmente Aß1-40 und Aß1-42. Letztere werden auch in der Liquordiagnostik analysiert, und wie dort sind beim Serumnachweis vor allem die Verhältnisse der jeweiligen Konzentrationen aussagekräftig. Bei Alzheimer verklumpt im Gehirn primär Aß1-42. Als Folge sinken die Werte im Liquor und Blut, der Quotient von Aß1-40 zu Aß1-42 steigt, ebenso der Quotient von APP669-711 zu Aß1-42. Erhöhte Werte dieser beiden Quotienten sollten also eine Amyloidpathologie nachweisen.

    Sensitivität von 97 Prozent

    Die Forscher haben den Test zunächst an Teilnehmern einer japanischen Alzheimerstudie geprüft und optimiert und ihn anschließend bei einer Kohorte älterer Australier extern validiert. An allen Studien beteiligen sich kognitiv gesunde Ältere, solche mit ersten kognitiven Defiziten (MCI) und solche mit einer bestätigten Alzheimerdemenz. Alle Teilnehmer werden regelmäßig per Amyloid-PET untersucht, damit soll der gesamte Verlauf der Demenz von der präklinischen Phase an erfasst werden.

    Analysierten die Forscher per IP-MS das Serum der Teilnehmer, konnten sie hochsignifikante Unterschiede zwischen Patienten mit hoher und niedriger Amyloidlast im Gehirn feststellen, und zwar sowohl für Aß1-42 alleine als auch für die beiden Quotienten. Am deutlichsten waren die Unterschiede jedoch, wenn sie Werte der beiden Quotienten kombinierten. In der australischen Validierungskohorte wurden dabei erhöhte Amyloidwerte im Gehirn mit einer diagnostischen Genauigkeit von 90 Prozent gemessen. Wurden nur Patienten mit MCI und Alzheimer berücksichtigt, betrug die diagnostische Genauigkeit sogar 92 Prozent.

    Bei kognitiv normalen Teilnehmern konnten sie mit einer Genauigkeit von 87 Prozent solche mit erhöhter Amyloidlast im Gehirn von solchen ohne unterscheiden.

    Vergleichbar mit Liquroproben

    Ein Teil der Studienteilnehmer lieferte auch Liquorproben. Die Wissenschaftler ermittelten eine ähnliche Korrelation ihres Bluttests mit den PET-Daten wie bei den Liquor-Biomarkern. Sollte sich ihr Test in weiteren Untersuchungen bewähren, könnten viele PET-Untersuchungen für Studien oder bei Patienten mit unklarer Diagnose überflüssig werden, ebenso Liquoruntersuchungen. Interessant ist auch, dass sich offenbar mit sehr hoher Genauigkeit eine Alzheimerpathologie bei noch kognitiv Gesunden nachweisen oder ausschließen lässt. So zeigten in der japanischen Kohorte 9 von 31 Patienten mit einer klinischen Alzheimerdiagnose keine erhöhten Amyloidwerte im PET. Diese hatten per Definition keine Alzheimererkrankung. Acht der neun Patienten waren auch im Bluttest unauffällig.

    Die Forscher prüften ihren Test bei 31 weiteren Patienten mit klinischer Alzheimerdiagnose und 20 kognitiv gesunden Älteren. Dabei kamen sie mit der PIB-PET (PET, die sich auf den radioaktiven Marker Pittsburgh compound-B fokussiert) als Standard auf eine Sensitivität von 97 Prozent, eine Spezifität von 81 sowie eine diagnostische Genauigkeit von 90 Prozent. Sie schließen daraus, dass ihre Ergebnisse robust und reproduzierbar sind.

    Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
    [09.02.2018, 15:38:13]
    Dr. Thomas Georg Schätzler 
    Auch wenn es manchen "forsch" publizierenden Alzheimer Forschern nicht gefällt...
    M. Alzheimer monokausal auf Amyloid Ablagerungen im Gehirn reduzieren zu wollen, entspricht nicht unbedingt wissenschaftlichen Standards.

    25% aller Patienten, die an einer mittelschweren bis schweren Alzheimer-Demenz erkrankt sind, hatten gar keine ausgedehnten Amyloid-Ablagerungen im Gehirn. Dies ergab eine Studie in JAMA Neurology von 2015.
    doi: 10.1001/jamaneurol.2015.1721
    Patienten ohne den genetischen Risikofaktor APOE4 waren sogar zu einem Drittel Amyloid-frei.

    Entwicklungen bei Liquortests auf Beta-Amyloide und Positronen-Emissions-Tomographie mit dem Tracer Pittsburgh compound B legten überraschenderweise dar, dass viele Patienten mit einer klinischen Alzheimer-Diagnose gar keine oder nur wenige Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn hatten, die damit offensichtlich nicht allein  das zentrale Kennzeichen der Alzheimer-Erkrankung sind.

    Ursache und Wirkung sollten nicht verwechselt werden: In JAMA Neurology (Adam P. Spira et al.) von 2013 unter
    http://archneur.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=1788611
    kam eine Querschnittstudie zu dem Ergebnis, dass Senioren mit Schlafstörungen vermehrt Ablagerungen von Beta-Amyloiden im Gehirn aufweisen ["Self-reported Sleep and ß-Amyloid Deposition in Community-Dwelling Older Adults"].

    US-Forscher berichteten in Science (2013; 342: 373-377), dass der Schlaf bei Mäusen den interstitiellen Raum erweitert und u. a. den Abtransport von Beta-Amyloiden aus dem Gehirn beschleunigte. Andere tierexperimentelle Studien zeigten, dass allein Schlafentzug die Ablagerung von Beta-Amyloiden fördern könne.

    Adam P. Spira von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore zitierte in seiner Publikation zudem mehrere epidemiologische Studien, in denen Schlafstörungen mit Demenz-Erkrankungen verbunden waren und schlussfolgerte mit der gebotenen wissenschaftlichen Zurückhaltung: ["Conclusions and Relevance - Among community-dwelling older adults, reports of shorter sleep duration and poorer sleep quality are associated with greater Aß burden. Additional studies with objective sleep measures are needed to determine whether sleep disturbance causes or accelerates Alzheimer disease"]. Zusätzliche objektive Schlaflabor-Studien seien erforderlich, um herauszufinden ob Schlafstörungen Alzheimer-Erkrankung verursachen oder beschleunigen würden.

    Eine aktuelle Publikation aus 2017 "Poor sleep is associated with CSF biomarkers of amyloid pathology in cognitively normal adults" von Kate E. Sprecher et al.
    http://n.neurology.org/content/early/2017/07/05/WNL.0000000000004171
    unterstreicht ebenfalls Schlussfolgerungen, das die Amyloid-Theorie in etwa so löchrig wie ein Schweizer Käse sein könnte.

    Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. London/GB)  zum Beitrag »

    Schreiben Sie einen Kommentar

    Überschrift

    Text

    Die Newsletter der Ärzte Zeitung

    Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

    Als Ärzte zu Mördern wurden

    Vor 78 Jahren haben Ärzte auf der Schwäbischen Alb in Grafeneck erstmals Patienten mit Gas ermordet. Nachdem 10.654 Menschen tot waren, setzte das Schweigen ein. Jetzt hat die Ärztekammer an das dunkle Kapitel erinnert. mehr »

    Praxen und Kliniken melden "Land unter"

    Die heftige Grippewelle bringt Arztpraxen und Krankenhäuser an die Kapazitätsgrenzen. Manche Praxen müssen selbst wegen vieler erkrankter Mitarbeiter schließen, Kliniken nehmen teilweise keine Patienten mehr an. mehr »

    Niedriggradiges Prostata-Ca - überwachen oder intervenieren?

    Ist es beim niedriggradigen Prostata-Ca gerechtfertigt, nicht sofort zu operieren, sondern die Patienten aktiv zu überwachen? Auch beim Deutschen Krebskongress kochten bei dieser Frage die Emotionen hoch. mehr »