Ärzte Zeitung online, 10.04.2018

Weit vor den Symptomen

Bluttest kann Alzheimer früh aufspüren

Ein kostengünstiger Bluttest könnte früh auf eine Alzheimer-Erkrankung hinweisen - im Mittel acht Jahre, bevor die ersten Symptome auftreten. Das berichten deutsche Forscher.

Bluttest kann Alzheimer früh aufspüren

Demenz früh aufspüren - das scheint mit dem Bluttest möglich.

© JSB31 / stock.adobe.com

BOCHUM/HEIDELBERG. Ein neu entwickelter Bluttest kann im Mittel acht Jahre vor der klinischen Diagnose auf eine Alzheimer-Erkrankung hinweisen (EMBO Mol Med 2018; e8763).

Dies zeigten Forscher der Ruhr-Uni Bochum (RUB), des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und des Krebsregisters Saarland mit einer großen populationsbezogenen Kohortenstudie aus dem Saarland.

Der Bluttest verwendet eine als Immuno-Infrarot-Sensor bezeichnete Technologie, um das Verhältnis von pathologischem und gesundem Amyloid-β zu messen, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung von RUB und DKFZ.

Lesen Sie dazu auch, wie japanische Forscher mittels eines Serumtests auf Alzheimer, die Amyloidbelastung im Gehirn feststellen

Zunächst prüften die Forscher den Test erfolgreich an Patienten, in einem Vorstadium (Mild Cognitive Impaired, MCI) der Alzheimer-Krankheit mit nicht eindeutigen kognitiven Beeinträchtigungen. Sie waren in der schwedischen BioFinder-Kohorte erfasst.

Mit PET und Biomarkern diagnostiziertbar

Diagnostiziert werden kann die Alzheimer-Erkrankung in diesem frühen Stadium nur mit bildgebenden Verfahren, wie der Positronen-Emissions-Tomographie (PET), oder anhand veränderter Biomarker in der Rückenmarksflüssigkeit, erinnern RUB und DKFZ.

Im nächsten Schritt wollten sie herausfinden, ob sich die Amyloid-β-Veränderungen im Blut schon vor dem klinischen Ausbruch der Krankheit, erkennen lassen.

Dazu verwendeten sie Blutproben, die in der ESTHER-Studie gewonnen worden waren. Die Kohortenstudie, die Professor Hermann Brenner vom DKFZ leitet und gemeinsam mit dem Saarländischen Krebsregister durchführt, startete im Jahr 2000. Die Teilnehmer nahmen in definierten Intervallen an Nachuntersuchungen teil.

Das ermöglichte es den Wissenschaftlern, das Entstehen der Erkrankung über einen langen Zeitraum von über 15 Jahren zu verfolgen.

Nicht als alleinige Frühdiagnose

Die Forscher untersuchten Blutproben, die bei Studieneintritt entnommen worden waren. Sie verglichen die Proben von 65 Personen, bei denen im Verlauf der Studie Alzheimer diagnostiziert wurde, mit 809 Kontrollen.

Der Test war in der Lage, Personen ohne klinische Alzheimer-Symptome im Durchschnitt acht Jahre vor der klinischen Diagnose zu erkennen.

In 70 Prozent der Fälle identifizierte der Bluttest diejenigen Personen, bei denen sich später tatsächlich eine Alzheimer-Demenz entwickelte. Bei neun Prozent war das Ergebnis falsch positiv. Daher sei er momentan noch nicht zur alleinigen Frühdiagnose von Alzheimer geeignet, heißt es in der Mitteilung.

Aber er eröffne die Möglichkeit, in einem kostengünstigen und minimal-invasiven Screening Personen herauszufiltern, die sich dann einer weiterführenden teuren und invasiven Diagnose unterziehen sollten, die ein falsch positives Ergebnis ausschließen kann. (eb)

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[10.04.2018, 10:38:52]
Cordula Molz 
Therapie?
Mich würde sehr interessieren, welche Therapieoptionen nach einer solch frühen Diagnose zur Verfügung stehen und eingesetzt werden? Und wie begegnet man den Belastungen, die eine solche Diagnose mit sich bringt? zum Beitrag »
[10.04.2018, 08:43:31]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Wissenschaftliche Irreführung - "scientific misconduct"?
Was soll denn ein Test auf die Alzheimer-Krankheit mit einer relativ niedrigen Spezifität von 91 Prozent? Bei neun Prozent fällt der Test dann fälschlicherweise positiv aus, obwohl die Patienten gesund sind („falsch positiv“). Damit ist dieser Test nicht zur alleinigen Frühdiagnose von Morbus Alzheimer geeignet.

Dass der Test bei einer Sensitivität von 71 Prozent viele Patienten mit beginnender Alzheimer-Demenz vollkommen übersieht, und damit eine primäre Versager-Quote von 29 Prozent besitzt, nimmt das Forschungsteam von Andreas Nabers et al. mit
"Amyloid blood biomarker detects Alzheimer's disease"
DOI 10.15252/emmm.201708763 | Published online 06.04.2018
EMBO Molecular Medicine (2018) e8763
relativ sportlich-zynisch:
Das wäre derzeit nicht so schwerwiegend. Da es keine wirksame Behandlung gibt, die den Verlauf der Erkrankung stoppt, hätten die übersehenen Patienten keine Nachteile.

Gänzlich fremd ist dem Autorenteam wohl auch, dass "ein Viertel aller Menschen, die an einer mittelschweren bis schweren Demenz erkrankt sind, gar keine ausgedehnten Amyloid-Ablagerungen im Gehirn [haben]. Dies kam in einer Studie in JAMA Neurology (2015; doi: 10.1001/jamaneurol.2015.1721) heraus. Bei Patienten ohne den genetischen Risikofaktor APOE4 lag der Anteil sogar nur bei einem Drittel."

"Die Entwicklung von Liquortests auf Beta-Amyloide und die Positronen-Emissions-Tomographie mit dem Tracer Pittsburgh compound B haben überraschenderweise gezeigt, dass viele Patienten mit einer klinischen Alzheimer-Diagnose gar keine oder nur wenige Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn haben, die das zentrale Kennzeichen der Erkrankung" sein sollen.
Vgl. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/63899/Viele-Demenzpatienten-haben-keine-Amyloid-Ablagerungen-im-Gehirn

Die Alzheimer Krankheit monokausal auf Amyloid Ablagerungen im Gehirn herunterbrechen zu wollen, entspricht eher empirisch-naivem Denken als wissenschaftlichen Standards. Dazu eine Publikation aus 2017: "Poor sleep is associated with CSF biomarkers of amyloid pathology in cognitively normal adults" von Kate E. Sprecher et al.
http://n.neurology.org/content/early/2017/07/05/WNL.0000000000004171

Diese unterstreicht, dass die Amyloid-Theorie in etwa so löchrig wie ein Schweizer Käse sein könnte.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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