Studie

Fernsehen lässt das Hirn schneller schrumpfen

20 Jahre täglich vier Stunden fernsehen – das tut dem Gehirn nicht gut. Jedenfalls gehen dabei übermäßig viele grauen Zellen zugrunde und das Vielfernsehen steigert eventuell das Demenzrisiko, so eine Studienauswertung.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Viel Fernsehen über Jahre könnte das Demenzrisiko steigern, so eine Interpretation der CARDIA-Studie.

Viel Fernsehen über Jahre könnte das Demenzrisiko steigern, so eine Interpretation der CARDIA-Studie.

© Alexandr Vasilyev / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

CHICAGO. Dass Menschen, die täglich vier und mehr Stunden vor der Glotze verbringen, selten zur intellektuelle Spitze gehören, darf wohl auch ohne Belege aus groß angelegten Studien als evident gelten.

Strittig ist eher die Frage, ob das meist äußerst seichte Programm das Hirn zersetzt oder ob es eher am passiven In-den-Bildschirm-Starren liegt, wenn nach langjährigem Fernsehkonsum die kognitiven Fähigkeiten auf der Strecke bleiben. Natürlich könnte auch eine reverse Kausalität vorliegen: Weniger intelligenten Zeitgenossen fällt in ihrer Freizeit vielleicht nichts Besseres ein, als die Zeit vor der Glotze totzuschlagen.

Eine neue, noch unveröffentlichte Auswertung der CARDIA*-Studie (Coronary Artery Risk Development in Young Adults) kann dies zwar auch nicht ganz ausschließen, sie legt aber nahe, dass auf den übermäßigen Fernseherkonsum der geistige und hirnorganische Abbau folgt: So zeigen jungen Erwachsene, die über 20 Jahre hinweg täglich vier oder mehr Stunden durch das Fernseherprogramm zappen, im mittleren Lebensalter ein signifikant geringeres Volumen der grauen Substanz als solche mit moderatem oder geringem Fernsehkonsum.

Darauf hat Dr. Tina Hoang vom Northern California Institute for Research and Education auf dem internationalen Alzheimerkongress in Chicago hingewiesen. Ein kausaler Zusammenhang vorausgesetzt, könnte ein übermäßiger Fernsehkonsum also das Demenzrisiko steigern.

Bereinigte Resultate konstant

Das Team um Hoang hatte bereits vor zweieinhalb Jahren Resultate der CARDIA-Studie zu den Auswirkungen des TV-Konsums publiziert. Danach schnitten junge Erwachsenen mit einem über 20 Jahre anhaltenden hohen Fernseherkonsum später in diversen Kognitionstest deutlich schlechter ab als Altersgenossen, die nur wenig oder mäßig viel Zeit vor der Glotze verbracht hatten.

Selbst wenn die körperliche Aktivität und das Bildungsniveau berücksichtigt wurden, ließ sich ein negativer Effekt des Fernsehens nachweisen, wenngleich dieser etwas weniger stark bei solchen Teilnehmern zu beobachten war, die trotz hohem Fernsehkonsum noch etwas Zeit für körperliche Betätigungen fanden. Viel Fernsehen und wenig Bewegung – diese Kombination scheint für die geistige Leistung also besonders abträglich zu sein.

In ihrer aktuellen Auswertung haben sich die Forscher um Hoang auf knapp 700 Teilnehmer der Studie konzentriert, die sich 25 Jahre nach Beginn einer strukturellen Hirn-MRT unterzogen hatten. An CARDIA haben insgesamt mehr als 5100 Personen im Alter von 18 bis 30 Jahren teilgenommen, knapp 3500 hielten bis zu letzten Untersuchung durch. Der TV-Konsum war ab dem fünften Studienjahr regelmäßig abgefragt worden, sodass nun Erhebungen über 20 Jahre hinweg vorliegen.

Morbide Vielfernseher

Zum Zeitpunkt der MRT-Analyse waren die Teilnehmer 50 Jahre alt. Im Schnitt hatten sie über die vergangenen zwei Dekaden hinweg 2,3 Stunden täglich auf den TV-Bildschirm gestarrt, 15% sogar vier oder mehr Stunden. Solche Vielfernseher waren überproportional häufig Afroamerikaner, Raucher und Sportallergiker, auch hatten sie vermehrt Depressionen, Bluthochdruck und ein geringes Bildungsniveau.

Berücksichtigen die Forscher Alter, Geschlecht, Ethnie sowie das intrakranielle Volumen, ergab sich ein signifikanter Zusammenhang mit hohem Fernseherkonsum und geringem Gesamthirnvolumen, geringem Volumen der grauen Substanz und einem reduzierten Volumen im Frontalhirn. Andere Bereiche wie Hippocampus und entorhinaler Kortex sowie die weiße Substanz zeigten hingegen keine Volumenminderung in Abhängigkeit vom Fernsehkonsum.

Warnhinweise nötig?

Wurden vaskuläre Risikofaktoren wie Nikotin- und Alkoholkonsum, Adipositas, Hypertonie, Depression sowie die körperliche Aktivität ebenfalls in die Rechnung aufgenommen, blieb ein signifikanter Zusammenhang bei der grauen Substanz im Allgemeinen und dem Frontalhirn im Besonderen bestehen. Danach scheint fernzusehen tatsächlich einen hirnzersetzenden Einfluss auszuüben, der sich nicht allein mit wenig Bewegung und vaskulären Risikofaktoren erklären lässt.

Liegt es also am Programm? Sollte bei Talkshows und Seifenopern ein Warnhinweis eingeblendet werden – wie "Fernsehen schadet ihrer geistigen Gesundheit?" oder "Fernsehen lässt das Hirn schneller schrumpfen"? Soweit wollte Hoang nicht gehen, sprach aber von einer geringeren kognitiven Reserve bei Personen mit hohem Fernseherkonsum, bedingt durch ihren sedentären Lebensstil. Der hohe TV-Konsum könnte auch nur ein Marker für einen solchen Lebenswandel sein, sagte die Expertin.

Allerdings wurde in der Studie nicht untersucht, ob sich viel Zeit vor dem Computerbildschirm mit kognitiv meist anspruchsvolleren Tätigkeiten ebenfalls negativ auf die Hirnzellen auswirkt. Ein großes Manko ist zudem, dass keine Bildgebungsdaten vom Studienbeginn vorliegen. Damit hätte man klären können, ob das Hirn bei Vielfernsehern tatsächlich schneller schrumpft – mit einer einzigen MRT-Untersuchung ist leider kein zeitlicher Verlauf darstellbar.

Jedoch erscheint es wenig plausibel, dass jungen Menschen mit von Beginn an geringerem Hirnvolumen eher vor der Glotze hängen. Wahrscheinlicher dürfte letztlich doch sein, dass Zeitgenossen, die ihre grauen Zellen den halben Tag mit seichter Unterhaltung langweilen, ihnen vorzeitig den Garaus machen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Frage: Welchen Einfluss hat ein langjährig hoher Fernsehkonsum auf das Hirnvolumen?
  • Antwort: Die graue Substanz schrumpft schneller als bei geringem Konsum.
  • Bedeutung: Viel Fernsehen könnte eine Demenz begünstigen.
  • Einschränkung: Geringe Teilnehmerzahl, kein Vergleich mit anderen Bildschirmtätigkeiten.
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