Ärzte Zeitung, 10.05.2004

Insulin-Glukose-Infusion nützt Herzinfarkt-Patienten

Bei intensiver Therapie haben Diabetiker mit Infarkt Prognose wie Nichtdiabetiker / Herzinfarktregister am Krankenhaus München-Schwabing

WIESBADEN (hbr). Werden Diabetiker mit Myokardinfarkt auf der Intensivstation ebenso intensiv behandelt wie Nichtdiabetiker, ist die Sterberate bei den Zuckerkranken nicht höher als bei Nichtdiabetikern. Und: Eine Infusion von Glukose und Humaninsulin nützt beiden Gruppen.

Das hat Privatdozent Oliver Schnell vom Institut für Diabetesforschung in München beim Internistenkongreß in Wiesbaden berichtet. Schnell stellte Ergebnisse des Herzinfarkt-Registers am Krankenhaus München-Schwabing vor. Analysiert wurden Daten von Diabetikern und Nichtdiabetikern mit Herzinfarkt in den Jahren 1999 und 2001.

Danach hatten Zuckerkranke mit Myokardinfarkt 1999 noch schlechte Aussichten: Die Sterberate in der Klinik lag mit 29 Prozent fast doppelt so hoch wie bei Nichtdiabetikern mit 16 Prozent. Dabei zeigte sich, daß die medizinischen Möglichkeiten bei Diabetikern weniger genutzt wurden: Nur 51 Prozent waren mit einer Koronarangiografie untersucht worden. Von den Nichtdiabetikern waren es 75 Prozent. 21 Prozent im Vergleich zu 38 Prozent hatten eine PTCA erhalten. Stents waren bei Diabetikern ebenfalls seltener implantiert worden.

2001 wurden Diabetiker ebenso intensiv behandelt wie Herzinfarkt-Patienten ohne Diabetes. Jeder zweite Zuckerkranke erhielt zudem für mindestens 24 Stunden eine kontinuierliche Glukose-Insulin-Infusion (GII) mit Normalinsulin (Insulin B. Braun ratiopharm®); die Infusionsrate orientierte sich an zweistündlich gemessenen Blutzuckerwerten.

Der Erfolg: Die Sterberate sank fast um die Hälfte auf 17 Prozent, also auf das Niveau der Nichtdiabetiker. Die Sterberate in den ersten 24 Stunden sank sogar um 67 Prozent: von 14 Prozent 1999 auf vier Prozent im Jahr 2001 - auf den gleichen Wert wie bei Nichtdiabetikern.

Weil die Sterberate vor allem in den ersten 24 Stunden so rapide sank, sei anzunehmen, daß die GII dazu beigetragen hat, sagte Schnell. Dafür sprechen Erfahrungen aus der DIGAMI-Studie (Diabetes and Insulin-Glucose Infusion in Acute Myocardial Infarction) und aus einer Untersuchung mit chirurgischen Intensivpatienten. DIGAMI betrachtete bei Diabetikern mit Herzinfarkt den Effekt einer GII in den ersten 24 Stunden der akuten Phase.

Anschließend folgte eine dreimonatige intensivierte Insulintherapie. Das Ergebnis war eine Verringerung der frühen und der Langzeit-Mortalitätsrate über fünf Jahre um 30 Prozent. "Wir wissen, daß eine Korrelation zwischen der Überlebenswahrscheinlichkeit der Herzinfarkt-Patienten und der Höhe des Blutzuckers bei der Aufnahme besteht. Diese Beziehung kann durch Glukose-Insulin-Infusionen durchbrochen werden", sagte Schnell auf einer Veranstaltung der Unternehmen B. Braun und ratiopharm.

Bei 1548 beatmeten chirurgischen Intensivpatienten verbesserte eine intensivierte Behandlung mit Glukose-Kalium-Insulin-Infusion die Überlebensrate nach 160 und 250 Tagen ebenfalls um ein Drittel. Die Patienten waren keine Diabetiker, trotzdem waren Komplikationen mit dem mittleren Blutzuckerwert korreliert (unter 110, bis 150 oder über 150 mg/dl): Akutes Nierenversagen war im niedrigsten Glukosebereich am seltensten. Die Infusion von Glukose und Normalinsulin, so Schnell, nutzt also Diabetikern und Nichtdiabetikern. Ziel seien Blutzuckerwerte zwischen 80 und 110 mg/dl.

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