Ärzte Zeitung, 18.09.2006

Kaum Hypoglykämien mit neuem Antidiabetikum

Sitagliptin senkt den Blutzucker so effektiv wie ein Sulfonylharnstoff / Zulassung der neuen Substanz ist beantragt

KOPENHAGEN (hbr). Typ-2-Diabetiker können künftig von dem oralen Antidiabetikum Sitagliptin profitieren: Es senkt den HbA1c-Wert ebenso effektiv wie ein Sulfonylharnstoff. Allerdings nehmen die Patienten nicht zu, und es gibt praktisch keine Hypoglykämien.

Daß mit Sitagliptin der HbA1c-Wert ebenso effektiv wie mit einem Sulfonylharnstoff gesenkt werden kann, belegen die Daten einer Studie über 52 Wochen, die erstmals beim europäischen Diabeteskongreß in Kopenhagen vorgestellt worden sind.

Sitagliptin wirkt, indem es den Abbau von Inkretinen hemmt. Das sind im Darm gebildete Hormone, die den Blutzucker-Spiegel regulieren - auch dadurch, daß sie die Insulin-Ausschüttung im Pankreas stimulieren.

In der Studie wurde die Blutzucker-senkende Wirkung von Sitagliptin mit der des Sulfonylharnstoffs Glipizid verglichen. Professor Peter Stein vom US-Unternehmen Merck aus New Jersey stellte die Daten vor.

Nach seinen Angaben waren die Studienteilnehmer im Mittel 57 Jahre alt und mit einem BMI von 31 kg/m² adipös. Mit durchschnittlich 7,5 Prozent war der HbA1c-Wert etwas zu hoch. Die Patienten erhielten zunächst eine Monotherapie mit täglich 1500 mg Metformin. Nach zwei Wochen wurde die Behandlung entweder um 100 mg Sitagliptin oder um 5 mg Glipizid erweitert. Die Dosis des Sulfonylharnstoffs konnte bis auf 20 mg erhöht werden, wie Stein bei einer von MSD Sharp & Dohme unterstützten Veranstaltung berichtet hat.

Nach einem Jahr hatte der HbA1c-Wert in beiden Gruppen signifikant und um den gleichen Betrag von 0,7 Prozentpunkten abgenommen. Sitagliptin ermöglicht also eine ebensogute Stoffwechselkontrolle wie der Sulfonylharnstoff. Dabei ist der Effekt bei Patienten mit höherem HbA1c-Wert zu Beginn noch ausgeprägter und kann bis zu 1,5 Prozentpunkte abnehmen.

Darüber hinaus wurden mit Sita-gliptin erheblich weniger Hypoglykämien registriert. So trat nur bei fünf Prozent der damit behandelten Patienten eine Unterzuckerung auf, in der Glipizid-Gruppe dagegen bei jedem dritten Patienten.

Außerdem nahmen die Patienten der Gliptin-Gruppe im Mittel 1,5 Kilogramm an Gewicht ab, die Patienten der Sulfonylharnstoff-Gruppe jedoch mehr als ein Kilogramm zu. Der Unterschied war signifikant. Die Rate der unerwünschten Wirkungen sei mit 71 Prozent in der Gliptingruppe und 76 Prozent unter Glipizid ähnlich gewesen, so Stein.

Sitagliptin wurde im August in Mexiko zugelassen. In den USA und in Europa ist die Zulassung beantragt.

STICHWORT

Inkretine

Inkretine sind im Darm gebildete Hormone. Steigt der Blutzucker-Spiegel, werden Inkretine freigesetzt. Sie stimulieren die Insulin-Produktion im Pankreas, und sie hemmen die Glukose-Produktion in der Leber. Bei Typ-2- Diabetikern wird bei gleichem Stimulus weniger Inkretin freigesetzt als bei Gesunden. Das kann eine Sitagliptin-Therapie kompensieren, denn Sitagliptin hemmt das Enzym Dipeptidyl-Peptidase 4 (DPP-4), das Inkretine abbaut. Sitagliptin wird deshalb auch als DPP-4-Hemmstoff bezeichnet. (eb)

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